Hinter die Kulissen
Behemoth und die Dialektik der Aufklärung
In der Mythologie des Altertums wird von drei Ungeheuern berichtet, die das Chaos beherrschen. Behemoth beherrscht das Land, Leviathan die See und Ziz die Luft. Nach den apokalyptischen Schriften bekämpfen sich Behemoth und Leviathan und errichten kurz vor dem Ende der Welt eine Schreckensherrschaft. Nach beider Untergang kommt der Tag der Gerechtigkeit.
Der Philosoph Thomas Hobbes wählte Leviathan in der frühen Neuzeit als Metapher für den Staat als politisches Zwangssystem mit einem Rest von Rechtsstaatlichkeit; Behemoth hingegen firmiert als Sinnbild für Bürgerkrieg und Gesetzlosigkeit.
Franz L. Neumann nimmt 1942–44 darauf Bezug, noch während im Weltmaßstab die Entscheidungsschlacht zwischen Faschismus und Zivilisation tobt:
„Da wir glauben, daß der Nationalsozialismus ein Unstaat ist oder sich dazu entwickelt, ein Chaos, eine Herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie, welche die Rechte wie die Würde des Menschen ‚verschlungen‘ hat und dabei ist, die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos zu verwandeln, scheint uns dies der richtige Name für das nationalsozialistische System: der Behemoth.“
Zeitgleich schreiben im Angesicht der entfesselten Barbarei ihrer Gegenwart Max Horkheimer und Theodor W. Adorno an einem philosophischen Entwurf, der – ernsthafter und grundsätzlicher als andere Studien, Essays, Werke – die verzweifelte Frage wälzt, wie es überhaupt so weit kommen konnte – wenn auch vielleicht nicht mußte. Offenbar bleiben Aufklärung und Humanität inmitten eines dominierenden Kapitalismus unvollendet, bedroht, optional; und das gilt es zu erklären, nicht ohne die avanciertesten Denkschulen einzubeziehen (Materialismus, Psychoanalyse, Ideologiekritik).
„Seit je hat Aufklärung [...] das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte [...] Einbildung durch Wissen stürzen.“
Das wenig erbauliche Buch heißt und behandelt die Dialektik der Aufklärung. Es gilt bis heute als eines der zentralen philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts.
