Dem Geldrätsel auf der Spur
Exeget, ohne Erbsenzähler zu sein
Dem Marxforscher Hans-Georg Backhaus (1929–2026) zum Andenken
»Sie wissen das nicht, aber sie tun es«, sagt Karl Marx in seinem Hauptwerk Das Kapital über das Verhältnis der Menschen zu ihrer Gesellschaft, die sich, so seine Analyse, über Tauschverhältnisse herstellt und dennoch alles andere als frei von Herrschaft und Ausbeutung ist: Um kaufen zu können, müssen sie irgendetwas verkaufen, und das ist in aller Regel ihre Arbeitskraft. Wer das verstehen will, taucht ein in eine Welt aus Philosophie, Soziologie, Ökonomie, ein esoterisch anmutendes Begriffsuniversum zwischen Wissenschaft und Rabulistik, in dem es um Dialektik und Fetischismus geht, um Ideologie und »realen Schein«, um »das Subjekt-Objekt« oder »die Geldware«, um »Totalität« und »Verdinglichung«. Die sich um solche Fragen balgen, nennen sich Marxologen oder Marxianer, nie und nimmer aber Marxisten, denn die hätten das alles nicht wirklich kapiert.
Nach Scholastik sieht das alles aus, aber nur von außen. Das alles erscheint abstrakt, trocken, langweilig gar, und doch – wie gesagt: Wer die Gesellschaft wirklich verstehen will, muß da durch. Sonst steht man irgendwann nach der Revolution da und muß entgeistert zur Kenntnis nehmen, daß sich vieles von dem, was es doch zu überwinden galt, wieder – wie von selbst – einstellt. Die Bewegung der Neuen Marx-Lektüre, deren früher Protagonist Backhaus war, entstand in den sechziger Jahren zunächst an den Universitäten: »Zum einen schrieb man gegen die Verdrängung der Marxschen Theorie in Westdeutschland an, zum anderen gegen ihre Verflachung auf klassenkämpferische Parolen und verteilungstheoretische Fragen im Realsozialismus.«
»Er brannte dermaßen für seine Fragen und Theorien, daß er sich wunderbar aufregen konnte, sein Gegenüber beschimpfte, herausrannte, kurzerhand Veranstaltungen beendete – um eine halbe Stunde später wieder hereinzukommen und freundlich weiterzudiskutieren. Dieses Temperament bewahrte er bis zum Schluß. Seine Empörung über die Dummheit und Dreistigkeit heutiger Politiker:innen, aber auch Wissenschaftler:innen war herzerfrischend.«
