Psychedelia 1967: Aufbruch in eine ganz andere Welt

Eskapismus, aber richtig: Ästhetik der Entrückung

Acid Communism ... oder: Was dem Siegeszug des kapitalistischen Realismus* zum Opfer fiel

 

"Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot."
Albert Einstein (1879–1955)

 

Das Jahr 1967 stellt – wie kaum ein anderes Jahr – eine kulturelle Zäsur dar, ähnlich wie ja 1968 jenen politischen Umbruch. Nicht nur klang Musik vor und nach 1967 ziemlich verschieden, sondern auch die Musik und Popkultur des Jahres 1967 selbst ist unverkennbar: Sie ist kunterbunt, ebenso hedonistisch wie melancholisch, und steht für einen Aufbruch, der zugleich Ausbruch war ... oder werden sollte: Spätestens 1969/70 war es zwar mit dieser eigentümlich entrückten Ästhetik schon wieder vorbei, doch die kulturelle Singularität namens 1967 ist geblieben, sie läßt bis heute staunen und innehalten.

All das ist jetzt ein halbes Jahrhundert her. Was heute vielleicht schrullig und spleenig scheint, strahlte damals für kurze Zeit bis in den Mainstream aus. Überhaupt sind die 1970er Jahre, die wie eine kulturelle (und übrigens auch politische) Resterampe wirken und wie ein großer Kater, ohne das, was da 1967 kulminierte, nicht zu verstehen.

 

Uli Krug über den psychedelic boom und jenen Sommer 1967, als eine counterculture sich zu regen begann, die Zeitgenossen als Beginn einer Revolution feierten oder fürchteten.
Diese ganz andere Zeit hatte eine ganz andere Zukunft vor sich. Selbst noch die gender-bender-Frisur eines provinziellen Reaktionärs wie Mayer-Vorfelder war Signum und Konzession an einen utopischen Zeitgeist, der heute – fünfzig Jahre später – vollends irreal erscheint.

"Der wohl schroffeste Unterschied zwischen damals und heute zeigt sich in der Popmusik selber; die messianische Sogwirkung, die sie vor 50 Jahren besaß, ist heute schlechterdings unvorstellbar, [...] daß Pop-Alben quasi aus eigener Kraft von ihren Hörern als Antizipationen einer neuen, gänzlich anderen Welt verstanden wurden."

Das Beunruhigendste ist aber wohl, daß längst nicht nur die Versagung der Einlösung damaliger Visionen, Utopien und Träume triumphiert, sondern daß heute schon das transzendentale Bedürfnis selber getilgt zu sein scheint. Gebrauchsmusik und Popkultur samt Staffeln legen davon beredtes Zeugnis ab.
Kann es sein, daß "die heutige Jugend" (Sokrates), diese Triathlon- und SUV-Generation, durchweg aus Konterrevolutionären besteht?

In welchem Verhältnis stehen demgegenüber kindliche Naivität, moderne Arbeitsgesellschaft und englische Romantik? Das Jahr 1967 durchkreuzte jedenfalls – rein ästhetisch – alle männlich kodierte Arbeits- und Zweckrationalität.

 

In einem zweiten, kürzeren Beitrag wird der New Yorker Singer-Songwriter Dogbowl portraitiert, der seit den späten 80er Jahren musiziert.
Die steile These lautet, daß Dogbowl (alias Stephen Tunney) "irgendwie Punk" ist ... Wie, das wird zu erörtern sein. Vorweg nur soviel: Auf den Zwiestreit zwischen Realitäts- und Lustprinzip kapriziert sich hier alles. Auch hier geht es um Erfüllung und Versagung.

"Wer einmal geliebt hat in seinem Leben, weiß, daß es die Liebe – wie die Wollust – nicht anders gibt denn als Obsession."
"Für was lohnte es sich zu leben, wenn nicht für den mentalen und hormonellen Ausnahmezustand inniger und heftigster Verknalltheit?"

"Wer einmal vom Honig gekostet hat, mag nie mehr Knäckebrot essen."

Oh, süße Melancholie!

 

*) Die Wortschöpfungen "acid communism" und "capitalist realism" in memoriam Mark Fisher (1968–2017)

 

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Sendetermin
Sonntag, 19. November 2017 -
20:00 bis 22:00
Wiederholung
Freitag, 1. Dezember 2017 -
14:00 bis 16:00
Freitag, 29. Dezember 2017 -
14:00 bis 16:00
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