|
QUERFUNK 104,8 MHz
Freies Radio Karlsruhe |
Lesebuch
Studio 0721 / 38 50 30 |
| Zum Lesebuchinhalt |
Im Anfang war die Langeweile
Die Erfindung der Sportreportage
Brecht und Benjamin
Ein paar Etappen
in der Geschichte
"anderer" Radiokonzeptionen
Die Geschichte des für die Allgemeinheit - also nicht nur etwa für Armee oder Börse -
bestimmten Rundfunks in Deutschland begann im Jahr 1923.
Am 1.4.1924 nahm als dritte deutsche Sendeanstalt - nach denen in Berlin und Leipzig - der
Sender Frankfurt - offiziell: "Südwestdeutsche Rundfunkdienst A.G." seinen Betrieb auf.
Der Sender Frankfurt war als Aktiengesellschaft im Mehrheitsbesitz einer Fabrikantenfamilie,
der Frankfurter Familie Schleussner, deren Familienoberhaupt Mitglied des Stahlhelms war.
Diesen interessierte am Radio aber glücklicherweise lediglich die Dividende; für die
Programmgestaltung des Senders war von 1924 bis 1929 Hans Flesch zuständig. Flesch kam
durch sein Interesse an Musik, insbesondere zeitgenössischer, zum Sender.
Flesch schrieb rückblickend 1930:
"Im Anfang des Rundfunks war die Langeweile.
Da sie in einer brillanten und reizvollen
technischen Maskierung einherging (denn immer
wieder blendete das technische Wunder), merkten
sie nur wenige. Entsetzliche Dinge wurden damals
getrieben. Das Musikprogramm wurde aus
vermoderten Konzertsälen bezogen, Literatur aus
der "Gartenlaube", der Vortragsstil legte Wert auf
die Sitten und Gebräuche der Minnesänger (unter
dem Titel "Volksbildung"), Legionen Gurken
wurden eingelegt (,Für die Hausfrau")."
An Fleschs Programmleitung waren dem gegenüber insbesondere drei Eigenschaften besonders
ungewöhnlich: Er setzte sich auch theoretisch - publizistisch mit dem Medium Radio
auseinander. Er begann mit dem Medium zu experimentieren, um dem "Funkischen" auf die
Spur zu kommen; und er gab vielen unkonventionellen Zeitgenossen den Raum, sich als freie
Mitarbeiter des Senders zu betätigen, indem er nur einen vergleichsweise sehr kleinen Stab an
Festangestellten beschäftigte.
Bereits in den ersten Sendungen, im April 1924, ließ Flesch Tonexperimente vorführen; er
experimentierte zum Beispiel damit, ein Musikstück mehrmals nacheinander bei abgeänderter
Mikrofonaufstellung oder in von der Akustik her unterschiedlichen Räumen aufzuführen. Diese
Versuche sollten Fleschs in späteren Publikationen formulierte Auffassung belegen, daß das
Senden das Gesendete durch das Dazwischenschalten der Maschine nicht unverändert läßt -
womit bereits (hier: 1925) ein Grundproblem aller folgenden Medientheorie formuliert ist.
Flesch sprach vom intellektualisierenden Charakter des Radios, das vom Kunstwerk die
suggestive Kraft, die nur im unmittelbaren Hören wirkt, abzieht.
"Durch die Dazwischenschaltung der Maschine wird dieser `seelische' Teil der Wirkung
aufgehoben, mindestens stark gestört und geschwächt. Und nur der intellektuelle Teil bleibt
unangefochten. ... Das Rundfunk-Hören ist eine Art Partiturlesen für jedermann."
Hier werden ansatzweise schon Elemente von Benjamins "Entauratisierung" und Brechts
"Verfremdung" durch den betont künstlichen, spielhaften Charakter von Radio - Lehrstücken
vorweggenommen.
Ebenfalls 1924 sendete Flesch sein eigenes Hörspiel "Zauberei auf dem Rundfunk", das im
Vorexerzieren aller möglicher technischer Tricks und Spielereien bestand.
Die entscheidende Innovation, die vom Sender Frankfurt ausging, bestand im gezielten
Heranbilden neuer Sendungsformen: Reportage, Hörspiel, freies - und tatsächlich kontrovers
geführtes - Streitgespräch, Meinungssendung - bei voller Ausnutzung des denkbaren
ideologischen Spektrums -, und die Präsentation neuer Musik.
Ein Tag im Juni 1925. Auf dem Main findet die beliebte Ruderregatta statt. Auch der Sender
Frankfurt ist vor Ort, und zwar Hans Flesch himself, sein Schwager Paul Hindemith und der
Jungreporter Paul Laven, der beim Sender Frankfurt angestellt war. Die drei von der
Funkstelle begutachten die Liveübertragung einer "bunten Veranstaltung" am Mainufer, bei der
ein Conferencier Späßchen treibt. Die Regatta nähert sich ihrem dramatischen Höhepunkt, im
Radio übertragen wird aber nur das Beiprogramm, von Regatta und sportlicher Dramatik ist
auf Sendung natürlich nichts zu spüren. Hindemith stellt fest, daß die Übertragung der "bunten
Veranstaltung" doch überhaupt nicht zu dem "großen Sportkampf" passe.
Da geschah es:
"Plötzlich riß ich das Mikrophon vom Ständer aus
der Reichweite des verdutzten Conferenciers und
eilte ans Ufer, schilderte hingerissen die scharfe
Auseinandersetzung der Boote auf dem Wasser.
Ich zeichnete, die Leistungen gegeneinander
abwägend, mit wenigen Strichen das Bild, das sich
da am Zielplatz darbot, beendete den diese neue
Entwicklung der vom neuen Medium gebotenen
Möglichkeiten einleitenden Vorstoß mit der
Durchsage der Resultate."
So der später fixierte Bericht von Paul Laven über die "Erfindung" der Sportreportage.
Sehr interessant ist auch Lavens Bericht über die von ihm selbst eingeführte Reportageform
"Verirrte Mikrophone":
"Es begann an der Frankfurter Hauptwache um 20
Uhr. Das Mikrophon, in den Wirbel des Verkehrs
gestellt, war zum ersten Mal, ohne ein Ereignis
festhalten zu wollen, dem Studio, seinem
verlesenen Vortragsdienst und Rollenwechsel,
allem künstlichen Geräuschzauber fern. Das, was
der Zufall vor und hinter erbautem, unmittelbar in
Worte gekleideten Bild herbei- und vorüberführte,
galt es in einem amüsanten
Mosaik...zusammenzufügen. Zehn Minuten später
brauste der Rundfunkwagen zum Hauptbahnhof.
Während der Sender, mit dem wir neben der
Übertragungsleitung Verbindung hatten, meldete,
daß Anrufe mit Fragen und guten Wünschen sich
mehrten, trug ich das Marmormikrophon eilends
an die Lokomotive eines einfahrenden Zuges..."
Interessant wäre nun zu wissen, welchen Charakter die eingehenden Anrufe hatten, die Laven
hier erwähnt - immerhin denkbar wäre ja, daß der "Ü-Wagen" des Senders Frankfurt auch auf
Anrufe reagiert haben könnte, womit wir eine Frühform des vielzitierten
"Kommunikationsapparats" entdeckt hätten. Jedenfalls gehörten die "Verirrten Mikrophone",
die bald auch aus anderen deutschen und europäischen Städten übertragen wurden, bald zu den
Quotenreißern beim Sender Frankfurt.
Von Anfang an ein klassisches Minderheitenprogramm mit der Garantie, die Einschaltquoten in
den Keller zu führen, waren dagegen die Ausstrahlungen neuer Musik, die von Flesch und noch
mehr von seinem Nachfolger Schoen gepflegt wurden - vorzugsweise mit einer gründlichen
und vertiefenden Einleitung von Adorno höchstpersönlich, der sich ja bekanntermaßen als der
Theoretiker der neuen Musik und Musiksoziologe hervortat.
Hans Flesch verlangte von den Vortragenden im Radio vernünftigerweise, frei zu sprechen und
somit gegenüber einer universitären Vorlesung eine andere - "funkische" - Sprechweise zu
finden; nur hielt sich leider keiner der Herrschaften an diese Weisung. Das dadurch wie auch
bei anderen damaligen Sendern übliche "Vortragswesen" reizte Walter Benjamin zu der
treffenden Formulierung "Hier quatschen alle Universitätslehrer durch den Rundfunk."
Unter Fleschs Programmleitung hatte der Frankfurter Sender "literarische Hörspiele" gesendet:
ästhetische Gebilde, mit vielen technischen Tricks und Experimenten, wie es ja Flesch mit
seinem eigenen, bereits erwähnten Hörpiel "Zauberei auf dem Sender" schon 1924 vorgeführt
hatte.
Ab 1929 führte dessen Nachfolger Ernst Schoen, der mit Benjamin persönlich befreundet und
daher auch mit Brecht bekannt war, einen Kurswechsel durch - vielleicht auch unter dem
Eindruck der "Neuen Sachlichkeit": Er förderte einen neuen Typ von Hörspiel, die
"unliterarischen, stofflich und sachlich bestimmten Hörspiele" . Schoen sprach zum Beispiel
1930 in einer Ausgabe der "Südwestdeutschen Rundfunkzeitung" davon, die beiden
Leitbegriffe des Weimarer Rundfunks - "Unterhaltung und Belehrung" - durch "Spiel und
Arbeit" zu ersetzen, da diese aktiv, jene passiv seien.
"Experimentell" auf eine ganz andere Art als die "formalästhetischen" Experimente zur Zeit
Hans Fleschs, waren die "Auditor"-Hörspiele ab 1930, von denen bei einigen Walter Benjamin
als Co-Autor zeichnete (,Gehaltserhöhung - wo denken Sie hin?"...). Sie behandelten nach Art
von soziologischen Etüden Situationen aus dem Alltagsleben, die in einer sich anschließenden
Diskussion von Vertretern der im Spiel dargestellten Personengruppen noch einmal
"durchgenommen" wurden.
Ganz anderen Charakters waren die Hörspiele, die Brecht über den Frankfurter Sender
verbreiten konnte. Es waren mindestens drei: "Der Jasager", "Berliner Requiem" und der
"Lindberghflug". Das letztere, das am 31.3.1931 in der "Stunde der Jugend" gesendet wurde,
ist hiervon wohl dasjenige, das am ehesten in eine Reihe mit den eben beschriebenen
Hörspielen gestellt werden kann; die anderen haben als "literarische", wenn auch "lehrhafte"
Hörspiele zu gelten.
Die Programmzeitschrift des Senders kündigte den "Lindberghflug" folgendermaßen an: "Die
Aufführung möchte Schulen und Schulklassen dazu anregen, sich selbst mit dem Studium
dieses Hörspiels zu beschäftigen. Wenn einige von ihnen es studiert haben, dann ist für den
Schulfunk eine spätere zweite Aufführung geplant, bei der wiederum, entsprechend der Absicht
der Verfasser, die Partie des Lindbergh von aufführenden Schülern chorisch gesungen werden
soll, während die übrigen Teile des Spiels den aufführenden Schulen durch Rundfunk
dargeboten werden."
Noch ein weiteres - für die damalige Zeit experimentelles - Sendungsformat hatte der Sender
Frankfurt etabliert: Die seit November 1927 ausgestrahlte Sendung "Gedanken zur Zeit", in
der teils jeweils zwei Kurzvorträge zu einem Thema mit verschiedenen Standpunkten, teils live
Streitgespräche ausgestrahlt wurden. Allerdings schlief die Sendung schon im Laufe des Jahres
1928 wieder ein: Die immer stärker werdende zentralstaatliche Kontrolle machte aus dem
kulturkritischen Forum eine Bühne für (staats-)parteipolitische Debatten. Der Endpunkt dieser
Entwicklung war die "Rundfunkreform" des Jahres 1932(!), mit der alle deutschen
Rundfunkanstalten endgültig verstaatlicht wurden. "So endete die Rundfunkfreiheit, noch
bevor die Nazis an die Macht kamen."