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QUERFUNK 104,8 MHz
Freies Radio Karlsruhe |
Lesebuch
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An dieser Stelle soll beispielhaft ein Freies Radio aus dem Italien der 70er Jahre vorgestellt
werden: Radio Alice, das 1976 bis 77 in Bologna sendete. Die Wahl fiel auf dieses Radio, weil
es in einer für ein Freies Radio ausgesprochen untypischen Weise Konzepte und Grundlagen
formuliert hat und in seiner politischen Tendenz aus der damaligen "Basisbewegung" für die
von Querfunk auf dieser Homepage formulierten Programmzielen in mancher Hinsicht Patin
stand.
Radio Alice, Bologna, 1976 - 77
Die Stimme des Begehrens
und die transversale Wiederzusammensetzung des
Bewegungssubjekts
Alice sendete in Bologna vom 9. Februar 1976 bis zu ihrer Räumung am 12. März 1977. An
diesem Tag war in Bologna der Student Francesco Lorusso, organisiert bei Lotta Continua,
ermordet worden. Die ganze Stadt befand sich im Belagerungszustand, Alice wurde aufgrund
eines mit dem bundesdeutschen õ129a vergleichbaren Paragraphen geschlossen.
DELEGIEREN WIR NICHT DIE REVOLUTION AN DIE KOMÖDIANTEN UND
DELEGIERTEN UND DRESSIERTEN DARSTELLER, AN DIE THEATERBÜHNEN, AN
DIE INSZENIERUNGEN. BEFREIEN WIR DAS BEGEHREN, BEFREIEN WIR DIE ZEIT
VON DER ARBEIT, BEFREIEN WIR DIE FRAU VOM MANNE, BEFREIEN WIR DIE
REVOLUTION VON DEN THEATERN UND DEN GERICHTEN, BEFREIEN WIR DAS
WORT VOM DISKURS.
Wir befinden uns in den Ausführungen von Radio Alice in einer wahren Megaschnittstelle von
medien- bzw. allgemeiner: zeichentheoretischen Diskursen von einer ungewohnt anregenden
Ergiebigkeit.
Die kodifizierte Form der Kommunikation besteht auf der Trennung in Sender und Empfänger.
Die transversale und damit destruktive Kommunikation sprengt diese Trennung: Sender und
Empfänger werden tatsächlich in Beziehung gesetzt, die Kommunikation des Begehrens ist
transversal zur kodifizierten Ordnung des Diskurses. Hier ist schwer zu sagen, ob denn auch
Brecht hochzufrieden wäre: Zumindest läßt sich seine Formulierung vom
Kommunikationsapparat, der Sender und Empfänger in Beziehung::::::krrtz----
die krankheit ist eine verminderung unseres lebens
also ist die ganze arbeit eine gefährliche
berufskrankheit:::::::::::::::::::::::::--------setzt und
die bisherigen Empfänger als Lieferanten des Senders organisiert, in der von Radio Alice
beschriebenen Weise verstehen. Ob der alte, autoritäre Kommunist Brecht von spontanen und
nicht ordentlich parteimäßig durchgeführten Rektoratsbesetzungen so viel gehalten hätte,
wissen wir nicht. (Ob wohl die rebellischen Jugendlichen aus der linksradikalen Szene
Bolognas von 1976 sehr viel Verständnis für das kollektive, disziplinierte Absingen von
Brechts Ozeanflug gehabt hätten???) Brecht hätte es bestimmt allemal besser gefunden, der
Rektor zu sein, als das Rektorat zu besetzen. Jedenfalls war er sicherlich kein Anhänger der
subversiven Macht des Begehrens gegen das Begehren der Macht.
"Spermatozoen in der Luft zeugen kollektive Kinder":
"Die Form der Kommunikation selbst, wenn sie
sich als Zerstörung des kommunikativen Codes
darstellt, modifiziert unmittelbar die Termini des
Verhältnisses zwischen Bereichen der Bewegung.
Wir sagen also, daß die Sprache nicht ein Mittel ist
zur Kommunikation von etwas, das woanders liegt
(einem Inhalt, der außerhalb der Sprache selbst
liegt, der Geste der kommunikativen Beziehung).
Die Sprache ist kein neutrales Instrument, das sich
für jeden Gebrauch beugen läßt, kein Gefäß, das
sich so oder so mit neuen Inhalten auffüllen läßt,
mit Respektoren des dominierenden signifikanten
Codes, wonach jedem Zeichen ein Objekt
entspricht und die Zeichen sich alle wohlerzogen
und geordnet bewegen, um eine Wahrheit zu
,beweisen" (die dann natürlich immer moralisch
und revolutionär ist). Daraus folgt, daß die Sprache
kein Mittel ist, sondern eine Praxis, ein absolut
materieller Boden, der die Realität, die
Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen, die Form
der zwischenmenschlichen Beziehungen, die
Bedingungen des Kampfes um die Macht
modifiziert. Ein Boden, wo sich eine wahre
Schlacht abspielt, wo reale Wünsche agieren; und
die Operation, die die Bewegung gegenüber der
kodifizierten Sprache vollziehen soll, ist nicht das
einfache Einfügen von neuen Inhalten in alte
Kommunikationsmodelle, sondern ist der Einbruch
des subversiven Begehrens in die Organisation des
Kommunikationsalltags. D.h. anders gesagt, sie ist
der Einbruch einer realen Modifikation in die
Ordnung der kommunikativen und praktischen
Verhältnisse."
Die Sprache ist kein Mittel, sondern eine Praxis: Dieses Axiom, Sprache nicht als (mehr oder
weniger präexistente) Struktur an sich, unabhängig von ihrem Gebrauch, zu betrachten,
sondern Sprache als Sprachhandeln anzusehen, ist der Kernpunkt der pragmalinguistischen -------------------------das radio nimmt nicht die pille
-- kkkrrrrr--- spermatozoen in der luft zeugen
kollektive kinder-----------------------------
Revolution, die ja auch - sicher kein Zufall - gerade in den Siebziger Jahren ihren Siegeszug
hielt.
Kommunikative Verhältnisse, Klassenverhältnisse und Verhältnisse zwischen den einzelnen
Menschen stehen in einem Zusammenhang; Sprachhandeln ist "reale Modifikation" dieser
Verhältnisse. Ebenfalls modifiziert die Form der Kommunikation selbst die Verhältnisse
zwischen Bereichen der Bewegung: Dies wird an anderer Stelle als Transversalität bezeichnet.
,Reale Modifikation", auf der Grundlage von "realen Wünschen", gegenüber der "Realität":
Hier läßt Lacan grüßen, für den das "Reale", realisiert durch das Begehren als Produktivkraft,
gegen die "Realität" steht, die sich meistens als etwas ziemlich Irreelles entpuppt.
Schließlich und endlich: Die Bewegung soll nicht einfach neue Inhalte in alte
Kommunikationsmodelle einfügen, sondern das subversive Begehren soll einbrechen in die
Organisation des Kommunikationsalltags.
-------------das auftauchen des jugendproletariats hat
sich ausgedrückt im aufbau von befreiten räumen; um
deren ghettoisierung und schließlich ihre
spektakularisierung zu vermeiden, ist es notwendig,
daß sie als befreiende räume funktionieren können,
daß, ausgehend von den spannungen, die aus dem inneren
der befreiten zeit erwachsen, man fähig sein kann, die
foltermaschinen anzugreifen, die die zeit zur leistung
zwingen, die foltermaschinen, die das andere
unterdrücken, und die das leben zu einer leeren schale
machen, auf produktive abstrakte arbeit reduzieren----
---------------------Benjamin wäre hochzufrieden: Sein Diktum, es genüge
nicht, den Apparat mit revolutionären Inhalten zu beliefern, sondern es sei nötig, ihn immer
zugleich zu verändern, da ja der bürgerliche Apparat jede Menge "revolutionären Stoffs"
assimilieren kann, ist hier unschwer im Hintergrund zu erkennen.
"Die Sprache ist kein Mittel, sondern eine Praxis,
und das historische Subjekt, das auf jenem Boden
auftaucht, durchläuft auf destruktive Weise die
kodifizierten Formen der Kommunikation und
durchquert die getrennten Ordnungen. Es ist nicht
wichtig zu sagen, daß in der-oder-der Schule das
Rektorat besetzt worden ist, wichtig ist, daß es die
Schüler sagen, die es besetzt haben, das Radio
anrufen, und gleichzeitig die Schreie hören, die sie
gerade durchgeben. Es ist nicht wichtig, lange
Reden gegen den Lohnstop zu halten, sondern das
Tonband einem Arbeiter zu geben, der es in den
Betrieb bringt, während eines Protestzugs durch
die Fabrik, der seine Wut multipliziert, um sie
dann aufzunehmen, und am Abend hört er die
Aufnahme und interveniert erneut, indem er das
Radio anruft. Wichtig ist nicht, über die
Notwendigkeit nur zu sprechen, sich
selbstverwaltete Räume zu nehmen, sondern per
Radio eine Jam-session vorzuschlagen und 2000
Genossen zu finden, die zum vereinbarten Ort
Trommeln, Gitarren, Drachen, Geigen und Flöten
mitgebracht haben und durch die Stadt ziehen mit
dem Ruf `diese Demo ist nicht erlaubt'."
"Der dadaistische Hinweis kann also
wiederaufgenommen werden: Kritisieren und
überwinden der Trennung der Kunst vom Leben,
der textlichen und bildenden Tätigkeit von der
Bewegung, die verändert. Aber der Ort, an dem
sich diese Operation der Wiederzusammensetzung
ergibt, muß sich ändern. Die dadaistische
Erfahrung hatte versucht, jene Trennung zu
überwinden auf dem Boden der Literatur, der
Kunst; die kreative Praxis hingegen hat ein
Massensubjekt, sie stellt ihre Tätigkeit in den
Raum der praktischen Veränderung, sie ist ein
Moment des Prozesses der transversalen
Wiederzusammensetzung des Bewegungssubjektes.
Es ist der Hinweis Majakovskijs, zuerst Bolschewik
und dann Poet: weder hat er lange die Trennung
der Kunst vom Leben beklagt, noch das
Spektakuläre des Textes kritisiert und dabei die
Kritik selbst zum Spektakel gemacht. Majakovskij
hat am revolutionären Prozeß teilgenommen und
hat dort den Punkt gefunden, wo die Trennung
praktisch überwunden wurde; die ganze
Geisteskraft, die das Kapital entzieht, in Form von
Arbeit kristallisiert, die ganze Kreativität, die das
Kapital auf das Spektakel reduziert gegenüber dem
Alltagselend der Massen, explodierte in jener
Massenbewegung, die der rote Oktober war, und
überschwemmte das Gehege, in dem die Literatur
eingesperrt bleiben wollte. ...die Sprache aller
Verkehrsformen zu ändern, um die kapitalistische
Sklaverei unerträglich zu machen. Das ist der
Hinweis Majakovskijs....Im revolutionären Prozeß
der Befreiung des Arbeiterlebens von der
Lohnarbeit wird die kollektive Umgestaltung der
befreiten Zeit, des Raumes, in dem man lebt, und
der Sprache zentral."
Wie Benjamin, bezieht sich auch Alice auf die junge sowjetische Avantgarde, hier noch das
Gemeinsame wie das Trennende im Vergleich mit DaDa betonend: Die
Wiederzusammensetzung (dessen, was getrennt verläuft) soll nicht, wie beim DaDaismus, auf
dem Terrain der Kunst (im herkömmlichen Sinne) geschehen, sondern auf dem Terrain der
gesellschaftlichen Auseinandersetzung - so wie beim "operierenden Schriftsteller" Tretjakov
bei Benjamin. Alice nennt nicht Tretjakov, der dem Kollektiv aber sicher bekannt ist
(Enzensbergers Baukasten wird direkt zitiert), hier wird sich auf Tretjakovs Genossen
Majakovskij bezogen.
Die Bewegung, die den Bezugspunkt der Arbeit von Radio Alice darstellte, war die
operaistisch geprägte Bewegung Norditaliens, die in Bologna eine ihrer Hochburgen hatte.
Radio Alice entsprang einem Zirkel, der "gatto selvaggio", wilde Katze hieß; wildcat ist die
englische Bezeichnung für wilden Streik. Diese Bewegung stand in scharfer Opposition
gegenüber der Kommunistischen Partei PCI, die in Bologna damals zum Beispiel den
Bürgermeister stellte; Bologna galt sogar als Musterbeispiel einer kommunistischen
Stadtregierung.
Operaismus (häßliche Eindeutschung: "Arbeiterismus") war eine linksmarxistische Strömung,
die zu Beginn der 60er Jahre in Norditalien entstand, und zwar im Zusammenhang mit einem
Kampfzyklus insbesondere in der Automobilindustrie (FIAT in Turin insbesondere). Anfänglich
bezog sich dieser Begriff auf Kreise von Intellektuellen und Funktionären innerhalb von KP
und Gewerkschaft, die insbesondere Untersuchungen über die neue Zusammensetzung der
Klasse anstellten, (,Arbeiteruntersuchung", inchiesta operaia). Eine wesentliche Erkenntnis
dieser Untersuchungen war, daß die Arbeitsorganisation in der Großindustrie sich von einer
Form, in der es noch Reste von handwerklicher Arbeitsweise gab, wegentwickelt habe in eine
Form, in der ein Typus eines jederzeit ersetzbaren, weil nicht weiter qualifizierten
Bandarbeiters vorherrscht. Unter diesen Bandarbeitern (Massenarbeiter, operai massa) gab es
übrigens sehr viele Migranten vor allem aus Süditalien.
In dieser Produktionsweise gründet sich die Arbeitsorganisation nicht mehr auf Bildung und
Wissen, sondern auf Einstellungen und entsprechende Verhaltensweisen - vereinfacht gesagt:
Dressur. Eine Kommunikation über die Arbeit ist nicht mehr möglich, weil unnötig. Die
Betriebshierarchie wird in der Fließbandfabrik vollends zur Kommandohierarchie.
Die Arbeitsorganisation am Band bringt den operaio massa hervor, damit eine neue
Klassenzusammensetzung, ein neues Verhalten in der Produktion, und auch ein neues
Verhalten im Kampf, das die neue Arbeitsrealität wiederspiegelt.
Zunächst ist und bleibt der Operaismus aber - entgegen aller Mythen, die seine Rezeption
immer begleitet haben - eine, und keine unwesentliche, Denkrichtung innerhalb der KP und der
Gewerkschaften. Es finden sich bei führenden Operaisten knackige Sätze wie "Die
Arbeiterklasse braucht das Kapital und will den Fortschritt." oder "Die Führung der Arbeiter
muß vom reifen Kapital lernen." oder "Der moderne Staat ist die authentische Form der
autonomen Reorganisation der Arbeiterklasse."
Erst die Studentenbewegung von 68 bringt etwas Leben in die Geschichte. Es gibt fortan
eigentlich zwei Operaismen: Viale spricht von "Bewegungs-Operaismus" - außerhalb und
gegen die KPI - und "Staats-Operaismus" - innerhalb derselben. Beide Operaismen haben viele
ihrer Vertreter zu beachtlichen universitären Karrieren gebracht.
Was den Bewegungs-Operaismus besonders----krrrkkkrrrkkkkkkk-----
die praxis des glücks ist subversiv wenn sie kollektiv
wird-------konspirieren heißt zusammen atmen----------
und dessen sind wir angeklagt------------weil wir uns
geweigert haben vereinzelt zu atmen---jeder an seinem
eigenen erstickenden arbeitsplatz-------krrrkrrrrrtt--
beweglich macht, ist sein flexibler Umgang mit revolutionären Subjekten. Der klassische
Träger der Revolution in der operaistischen Lehre war der Massenarbeiter.
Als das Kapital dessen Dominanz mit Hilfe der soundsovielten technisch - industriellen
Revolution Anfang der 70er Jahre beendete, trat an seine Stelle der operaio sociale, der
gesellschaftliche Arbeiter. Das revolutionäre Subjekt wurde auf bisher nicht beachtete Sektoren
der Gesellschaft ausgeweitet, etwa Arbeitslose, Schüler, Studenten, zum Terrain revolutionärer
Kämpfe traten neben der Fabrik auch der Stadtteil und die Psychiatrie.
Im Lauf der 70er Jahre traten mit den "neuen sozialen Bewegungen" weitere Subjekte auf: Mit
dem Feminismus, oder auch der Ökologiebewegung. Viale resumiert
leicht zynisch: "Die
Subjekte wechseln - die überlegene Weisheit des Operaismus bleibt: die maschinelle---kkktttttzzzzssss---der befreite und kollektive alltag
ist die solideste rote basis gegen die kapitalistische
macht.------kzzzz---Subjektproduktion in der Theorie des `Bewegungs-'
Operaismus hat nur die Funktion, eben diesen Operaismus am Leben zu halten."
In der Zeit nach der Studentenbewegung waren die zentralen Entdeckungen am revolutionären
Subjekt die Eigenschaften Intelligenz und Polyvalenz, was soviel wie "Reichtum an
Bedürfnissen" heißt.
Hintergrund für diese neuentdeckten Eigenheiten des operaio sociale dürften der Überschuß an
vom Kapital nicht benötigten und daher proletarisierten Akademikern wie auch der Fabriken -
Entrismus von Teilen der Studentenschaft sein. Die Arbeit in der Fabrik - unter Fabrik wird
nun im Bewegungs-Operaismus als "fabbrica diffusa" praktisch die ganze nach dem Paradigma
der Fabrik organisierte Gesellschaft------------der terror verwurzelt
sich also in den formen des alltags, als der terror
des gefängnisses und der irrenanstalt, der kaserne und
der arbeitslosigkeit, der familie und des sexismus----
-----------verstanden - kann natürlich die "Polyvalenz" nicht befriedigen - es bleibt ein
Rest, ein Begehren. Damit wären wir dann auch wieder bei eben diesen beiden Lacan
entlehnten, bereits weiter oben erwähnten Begriffen.
Viale schreibt hierzu: Die Sprache der 68er Bewegung "unterdrückt das Unbewußte, bringt die
innere Dichte und Fülle von Erfahrung zum Schweigen - oder degradiert sie zum Mikrofeld der
Gesellschaftsanalyse." "Das Unbewußte ... kann mit der Sprache restlos erhellt, erklärt,
beschrieben - ja es kann letztlich sogar in Diagrammen dargestellt werden." Erst im Niedergang
dieser Bewegung bekamen die Ansätze von Lacan, Deleuze und Guattari große Bedeutung. In
deren Analysen "gibt es einen nicht auflösbaren, nicht beschreibbaren Rest (das `Andere', den
`Mangel', den `Wunsch'): alle Versuche, ihn sprachlich zu durchdringen, sind fruchtlos. Der
Sprache kommt eine andere Bedeutung zu: das Wort definiert Realität nicht, es evoziert oder
durchschreitet (attraversa) sie - indem es sie aufbricht."
Um Radio Alice im genauen Zusammenhang zu sehen, bleibt noch eine weitere Differenzierung
zu machen. Mitte der 70er Jahre besteht der Bewegungs-Operaismus aus zwei Strömungen:
autonomia creativa und autonomia organizzata, wobei das Wort "autonomia" wie das Wort
"Bewegung" verwendet wird.
Die autonomia organizzata steht dabei stärker in der Tradition des Politikverständnisses
desjenigen (Bewegungs-)Operaismus, der sich letztlich von den Fabrikkämpfen herleitet, wobei
es eine Entwicklung zu mehr (auch bewaffneter) Militanz gab. Der zentrale Begriff der
autonomia creativa war die "Wiederaneignung des eigenen Lebens". Zu dieser Bewegung
zählen die "indiani metropolitani", die "alternative" Werte wie Ökologie und Kiffen ins Spiel
brachten und eher im studentischen Milieu auftauchten. Eher in den (sub-)proletarischen
Vorstädten existierten die "circoli del proletario giovantile", die die direkte Enteignung
vermittels proletarischen Einkaufs,---------liederlichkeit,
zügellosigkeit, fest, das ist unsere antwort auf die
krise---------------Nulltarifaktionen in Kinos, Theatern, Konzerten und
öffentlichen Verkehrsmitteln, das Besetzen von Jugendzentren und das Verprügeln von
Heroindealern praktizierten. In diese Strömung gehören auch Radio Alice, der circolo gatto
selvaggio und die Zeitschrift A/traverso.
"Wir professionalisieren uns nicht. Wir weigern
uns, uns auszubilden. Wir lernen nicht. Es geht
nicht in unseren Kopf rein, daß unsere vitale
Aktivität nichts anderes sein soll, als ein Mittel
zum Leben. Wir nehmen uns nach wie vor die
Übertretung vor als Form des Verhältnisses zur
Realität. ... Die Sprache rebelliert: gegen die
wütende Ohnmacht, die den Tod der vitalen
Aktivität in der toten Arbeit einläutet. ... Das
Schweigen der Frauen, die dauernde Abwesenheit
der "Frauenkunst" in der Geschichte; sie werden
gefüllt von einer Anwesenheit und von einer Macht
der Männer, die Produktivität bedeutet hat als
Verdrängung des Körpers, von einem selbst
verschieden. Innerhalb dieser Logik war nie ein
Raum für den Körper der Frau, für ihre Sexualität,
die Bedingung des Lebens ist und nicht getrenntes
Moment."