|
QUERFUNK 104,8 MHz
Freies Radio Karlsruhe |
Lesebuch
Studio 0721 / 38 50 30 |
| Zum Lesebuchinhalt |
Auch wenn Querfunk das gesellschaftliche Konstrukt Nationale Identität als
Ordnungskriterium nicht anerkennt, wird es im Programm Gruppen geben, die ihr
Selbstverständnis aus ihrer Nationaliät herleiten. Dabei muß jedoch die Gemachtheit und
Situationsabhängigkeit klar sein: Eine örtliche "national comunity" tritt als solche auf, weil sie
von außen als solche definiert und bedroht wird. In ihrem Widerstand nimmt sie die Form eines
strategischen Subjekts an - auch im Querfunk. Identität ist in diesem Fall Waffe. In diesem Fall:
Sie ist nicht statisch, unterliegt zeitlicher Veränderung und kann durch Vernetzung aufgelöst
werden.
Freies Radio und nationale Identität
Das Zeitalter der elektronischen Massenkommunikation träumt den Traum vom globalen Dorf:
Ausgestattet mit den richtigen Medien kann sich jede(r) jederzeit die weite Welt -so wie sie ist-
in die eigenen vier Wände projizieren lassen. Weltweite Vernetzung raffinierter Technik
vermittelt das Wissen, aus dem man sich ein Bild davon machen kann, warum was wo passiert:
,Machen Sie sich ihr eigenes Bild!" wirbt denn auch die Bild-Zeitung.
Der Traum vom Fliegen wird ein zweites Mal wahr: Der Mensch hat die Vogelperspektive
gewonnen und kann grenzenlose Objektivität atmen. Wenn nichts dazwischenkommt.
Es kommt etwas dazwischen.
Es tritt jemand ins Bild, hält sich ein Mikrofon vor den Mund und kommentiert - erklärt - die
Bilder. Wir wollen diese Person weghaben, sie verstellt die freie Sicht, verschwindet jedoch
nicht. Wir beginnen zu begreifen: Sie ist untrennbar mit dem Blick, den wir in die Weite werfen
können, verbunden. Ohne sie bleibt der Bildschirm leer. Sie interpretiert und ordnet für uns und
stutzt alles auf ein erträgliches Maß zurecht.
Der Blick, den sie und das Medium haben, ist also zwangsläufig ideologisch: Er hat seinen
Standpunkt und ordnet die Welt nach seinen Prämissen. Mißtrauen ist angesagt, wenngleich
nur bedingt berechtigt: Schließlich ist die Person, die uns im Bild steht, eine der unseren. Ihr
Blick ist die Fortsetzung unseres Blickes - mit anderen Mitteln.
Fortsetzung unseres ideologischen Blickes - mit einem Unterschied: Die Möglichkeit, das
Gezeigte und Gesagte zu verifizieren, gibt es nicht. (Oder doch: Zeugt nicht das Angebot der
Pauschaltouristik von der Bereitschaft, das medial Erfahrene durch entsprechende Erlebnisse
aufzufüttern?)
Fortsetzung unseres ideologischen Blickes - mit Vereinfachungen: Mediale Vermittlung
bedeutet Reduktion von Komplexität, also Konzentration auf das Wesentliche. Was ist das
Wesentliche? Eine Frage des Standpunktes. Von ihm aus wird fleißig das nicht
Zusammengehörige differenziert, das, was sich dabei als Gleiches herausstellt homogenisiert,
und Dazugehöriges identifiziert, bis das Wesen der Dinge festgestellt ist. Mediale Darstellung
ist ganz groß im Produzieren des Wesentlichen: Ihre Beschränktheit macht sie so ergiebig. Als
reine Natur ist das Wesentliche ahistorisch: Politische und kulturelle Äußerungen als
dynamische Prozesse der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Situation werden somit
naturalisiert, biologisiert, rassifiziert: Völker und Nationen werden geboren. Letztendlich
steckt doch sowieso schon alles in den Genen. Durch diese Naturalisierung bestätigen sich der
medialen Darstellung in allem, was ihrem Blick begegnet, ihre eigenen Prämissen. Endlich
wissen wir also, daß die ganze Welt so funktioniert, wie wir uns das immer gedacht haben.
Die moderne Massenkommunikation hat es geschafft, die ganze Welt in greifbare Oppositionen
aufzuteilen. Wo auch immer der Blick hinschweift und welches Bild er auch zeigt, der Rahmen
bleibt: Wir sind wir und ihr seid anders/die Anderen.
Im globalen Dorf der fortgeschrittenen Massenkommunikation herrscht Apartheid.
Das Kulturverständnis vom Querfunk ist dynamisch: Hier wird den interessierten HörerInnen
nicht in folkloristischer Art das Wesen "fremder" Kulturen vorgeführt. Was gesendet wird, ist
im Moment entstandenes Produkt zwischenmenschlicher Auseinandersetzung.
Was bleibt ist die Sprache, wichtigstes Unterscheidungsmerkmal für's Raster der nationalen
Identität in einem Medium, das für Hautfarben blind bleibt. Wer unterscheiden will, braucht
jedoch eine Norm, von der er das Anormale abheben kann. Diese Norm existiert im Querfunk
nicht. Querfunk spricht so viele Sprachen, wie es SprecherInnen hat. Es kaudawelscht und
verfällt auf die abseitigsten Dialekte. Querfunk besitzt keine Grenzpatroullien, die die Wörter
am Wandern über die Sprachbarrieren hindern. Wer nicht versteht, kann nachfragen. So
entsteht vielleicht sogar Kommunikation.
Querfunk hat keine Muttersprache(n).
Querfunk vermischt, was voneinander getrennt gehört und wundert sich, was dabei
rauskommt.
Querfunk setzt der babylonischen Sprachverwirrung die Krone auf:
Es verwirrt die Verwirrung, die eine Ordnung ist, indem es über diese Ordnung lacht.