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Freies Radio und nationale Identität

Das Zeitalter der elektronischen Massenkommunikation träumt den Traum vom globalen Dorf: Ausgestattet mit den richtigen Medien kann sich jede(r) jederzeit die weite Welt -so wie sie ist- in die eigenen vier Wände projizieren lassen. Weltweite Vernetzung raffinierter Technik vermittelt das Wissen, aus dem man sich ein Bild davon machen kann, warum was wo passiert: ,Machen Sie sich ihr eigenes Bild!" wirbt denn auch die Bild-Zeitung. Der Traum vom Fliegen wird ein zweites Mal wahr: Der Mensch hat die Vogelperspektive gewonnen und kann grenzenlose Objektivität atmen. Wenn nichts dazwischenkommt. Es kommt etwas dazwischen.
Es tritt jemand ins Bild, hält sich ein Mikrofon vor den Mund und kommentiert - erklärt - die Bilder. Wir wollen diese Person weghaben, sie verstellt die freie Sicht, verschwindet jedoch nicht. Wir beginnen zu begreifen: Sie ist untrennbar mit dem Blick, den wir in die Weite werfen können, verbunden. Ohne sie bleibt der Bildschirm leer. Sie interpretiert und ordnet für uns und stutzt alles auf ein erträgliches Maß zurecht.
Der Blick, den sie und das Medium haben, ist also zwangsläufig ideologisch: Er hat seinen Standpunkt und ordnet die Welt nach seinen Prämissen. Mißtrauen ist angesagt, wenngleich nur bedingt berechtigt: Schließlich ist die Person, die uns im Bild steht, eine der unseren. Ihr Blick ist die Fortsetzung unseres Blickes - mit anderen Mitteln.
Fortsetzung unseres ideologischen Blickes - mit einem Unterschied: Die Möglichkeit, das Gezeigte und Gesagte zu verifizieren, gibt es nicht. (Oder doch: Zeugt nicht das Angebot der Pauschaltouristik von der Bereitschaft, das medial Erfahrene durch entsprechende Erlebnisse aufzufüttern?)
Fortsetzung unseres ideologischen Blickes - mit Vereinfachungen: Mediale Vermittlung bedeutet Reduktion von Komplexität, also Konzentration auf das Wesentliche. Was ist das Wesentliche? Eine Frage des Standpunktes. Von ihm aus wird fleißig das nicht Zusammengehörige differenziert, das, was sich dabei als Gleiches herausstellt homogenisiert, und Dazugehöriges identifiziert, bis das Wesen der Dinge festgestellt ist. Mediale Darstellung ist ganz groß im Produzieren des Wesentlichen: Ihre Beschränktheit macht sie so ergiebig. Als reine Natur ist das Wesentliche ahistorisch: Politische und kulturelle Äußerungen als dynamische Prozesse der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Situation werden somit naturalisiert, biologisiert, rassifiziert: Völker und Nationen werden geboren. Letztendlich steckt doch sowieso schon alles in den Genen. Durch diese Naturalisierung bestätigen sich der medialen Darstellung in allem, was ihrem Blick begegnet, ihre eigenen Prämissen. Endlich wissen wir also, daß die ganze Welt so funktioniert, wie wir uns das immer gedacht haben. Die moderne Massenkommunikation hat es geschafft, die ganze Welt in greifbare Oppositionen aufzuteilen. Wo auch immer der Blick hinschweift und welches Bild er auch zeigt, der Rahmen bleibt: Wir sind wir und ihr seid anders/die Anderen.
Im globalen Dorf der fortgeschrittenen Massenkommunikation herrscht Apartheid.

Auch wenn Querfunk das gesellschaftliche Konstrukt Nationale Identität als Ordnungskriterium nicht anerkennt, wird es im Programm Gruppen geben, die ihr Selbstverständnis aus ihrer Nationaliät herleiten. Dabei muß jedoch die Gemachtheit und Situationsabhängigkeit klar sein: Eine örtliche "national comunity" tritt als solche auf, weil sie von außen als solche definiert und bedroht wird. In ihrem Widerstand nimmt sie die Form eines strategischen Subjekts an - auch im Querfunk. Identität ist in diesem Fall Waffe. In diesem Fall: Sie ist nicht statisch, unterliegt zeitlicher Veränderung und kann durch Vernetzung aufgelöst werden.
Das Kulturverständnis vom Querfunk ist dynamisch: Hier wird den interessierten HörerInnen nicht in folkloristischer Art das Wesen "fremder" Kulturen vorgeführt. Was gesendet wird, ist im Moment entstandenes Produkt zwischenmenschlicher Auseinandersetzung.
Was bleibt ist die Sprache, wichtigstes Unterscheidungsmerkmal für's Raster der nationalen Identität in einem Medium, das für Hautfarben blind bleibt. Wer unterscheiden will, braucht jedoch eine Norm, von der er das Anormale abheben kann. Diese Norm existiert im Querfunk nicht. Querfunk spricht so viele Sprachen, wie es SprecherInnen hat. Es kaudawelscht und verfällt auf die abseitigsten Dialekte. Querfunk besitzt keine Grenzpatroullien, die die Wörter am Wandern über die Sprachbarrieren hindern. Wer nicht versteht, kann nachfragen. So entsteht vielleicht sogar Kommunikation.
Querfunk hat keine Muttersprache(n).
Querfunk vermischt, was voneinander getrennt gehört und wundert sich, was dabei rauskommt.
Querfunk setzt der babylonischen Sprachverwirrung die Krone auf:
Es verwirrt die Verwirrung, die eine Ordnung ist, indem es über diese Ordnung lacht.