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Mythos und Identität

oder

Warum Freies Radio keine Angelegenheit von Experten sein kann

In der Popkultur speziell, aber auch ganz allgemein im gesellschaftlichen Erleben, im Alltagsleben sind es Identifikationen, die die Erfahrung strukturieren. Erfahrung wird durch Identitäten vorstrukturiert, durchzogen und auch bestimmt.
Wahrnehmung und Erfahrung als Bedingungen je gegenwärtigen Handelns sind nie frei. Sie sind nicht vorgängig, sondern je vermittelt. Die Vermittlung ist mythisch, der hartnäckigste Mythos ist der von der befreiten Wahrnehmung und Erfahrung.
Auch Widerstand gegen Identitäten formiert sich durch Identitäten.

Mythos
Mythisches Denken ist Rationalität auf der Basis von Geschichten - Mythologien, die von Herkunft, Ursprung, Entstehung berichten.
In der gegenwärtigen Alltagswelt erzählen Mythologien insbesondere von Weiblichkeits/Männlichkeitsmythen, Nationalitäts- und Rassenmythen sowie Sozial- und Berufsmythen.
Mythen geben ein Wissen, das unreflektiert in der Wiederholung des Gleichen verharrt. Die Wiederholung des Gleichen ist nicht das Gleiche. Wiederholung ist nicht Identität. In den Mythologien erscheint Wiederholung jedoch als Gleiches. Dieses Immer-Gleiche verweist auf einen letzten, alles begründenden Sinn.
Für das mythische Denken ist Gegenwart nur Zitat von Vergangenheit. Gegenwart wird sich, wenn sie vergangen ist, immer als Mythos zusammenziehen.
Die Unveränderlichkeit der je gegenwärtigen Verhältnisse ist systematisch-mythisch ausgemachte Sache. "Schon seit Menschengedenken..." - "Da kann man nichts machen." Dankbar hilflos und zugleich verängstigt von der Übermacht der eigenen und der äußeren Natur spricht sich der von der Unentrinnbarkeit vor den Verhältnissen entschuldigte Mensch selbst den Besitz jeglicher Zugriffsmöglichkeit auf die Welt ab. Tröstend bleiben ihm die Mythen als Verheißung eines letzten, alles begründenden Sinns. Dieser Sinn ist immer kontingent. (Kontingenz: Möglichkeit, daß eine Sache anders beschaffen sein könnte als sie tatsächlich ist. Die Überprüfbarkeit der Tatsächlichkeit ist jedoch nicht gegeben.)

Experten
Technischer Fortschritt ist gegenwärtiges Beispiel für kontingenten Sinn. Mit seiner dezidierten Wahr/Falsch-Logik ist naturwissenschaftliches Denken als Fortschrittsmittel zweckorientiert und ahistorisch. Zur Beantwortung technischer Fragen dagegen erwiesenermaßen hervorragend geeignet, wird es mit dem ununterbrochen wiederholten, uniformen Hinweis: ,Wir leben im Zeitalter der Technik" zur Universalmethode erhoben. Heute ist alles Technik. Technik benötigt Experten. Heute ist jeder Experte auf dem einen oder anderen Gebiet. Im Sozialen sind Experten kontingent hierarchisiert. Die Erfahrungsräume, die Arbeitsweisen von Experten werden je mythisch-wohlig verklärt: "Ich bin da kein Experte...". Experten verlassen sich auf Vermittlung, auf Mediation durch andere Experten.

Medien
Die Medien vermitteln zwischen den Experten, sie übermitteln Informationen. Journalisten sind Informationsexperten. Sie prägen das Format, in dem Wissen vermittelbar und hergestellt wird, durch die Auswahl, die Technik und die Verknüpfung von Informationen.
Die Auswahl: Eine gute "Story"- ist eine Information, eine Geschichte, die die Auflage/Einschaltquote erhöht. Selektionskriterien werden aus Mythen über Zielgruppen hergeleitet.
Die Verknüpfung von Informationen wird zusammenhanglos durch das "und" hergestellt. Das "und" ist eine grammatisch-eindimensionale Konjunktion, die Zusammenhang zweifellos und unveränderlich erscheinen läßt. Ihre strukturelle Armut unterbindet das Sprechen über Geltungsansprüche, über moralische, politische, erkenntnistheoretische oder lebensweltliche Rahmenbedingungen.
Eben diese sind - als Mythen - implizit, unveränderlich und universal immer schon festgelegt. Im mythischen Rahmen sind Rollen, Eigenschaften, Identitäten primitiv-moralisch klar, kein Problem. Die konforme, reflexionslose Kenntnis von Nationalitäts-, Geschlechtlichkeits- oder Klassenzugehörigkeitsmythen sind das Rüstzeug für jeden Medienkonsumenten.
Die Informanten kodieren, die Informierten dekodieren mit der immergleichen Schablone des "und". Das Alte wird als Neues ewig als Dreingabe auf das Bekannte, den Mythos, wiederholt. In der Wiederholung konstituiert sich die Geschichtlichkeit des Bestehenden.

Identität
Mit der Logik der Wissenschaft zu sprechen: Die Wahrscheinlichkeit, daß Denken und Gegenstände in ihrer Struktur übereinstimmen, also aufeinander abbildbar sind, ist verschwindend, eine unplausible Annahme.

Die Bedingungen des Denkens sind in seiner Begrifflichkeit angelegt. Die Identifikation der Gegenstände mit Begriffen ist für Denken unabdingbar. Denken klassifiziert, subsumiert unter Begriffen. Das Gedachte entzieht sich zugleich der vollständigen Identifikation durch Begriffe, sobald Denken den mythischen Rahmen, in dem die Identität des Gedachten eben im Begriff per definitionem festgelegt war, zu verlassen versucht.
Weil das zu Denkende den Denkregeln nicht entspricht, muß sich Denken fortwährend auf das, was es "unwahrerweise" jeweils nicht begrifflich abbildet - das unbegriffene Nicht-Identische - besinnen, nicht es begrifflich vereinnahmen. Aber schon der Begriff des Nicht-Identischen vereinnahmt es als Objekt.
"Insofern wäre das Nicht-Identische die eigene Identität der Sache gegen ihre Identifikationen" (T.W. Adorno, Negative Dialektik, S. 164)
Denken muß sich seines Nicht-auf-die-Dinge-richten-Könnens gewahr werden. Ein Begriff von den Dingen wäre immer mythisch - identifizierend, idealistisch, reflexionslos, selbst- reflexionslos. Der Mythos fertigt die Begrifflichkeit durch Identifikation, die den Mythos konzipiert. Mythos - als Identität von Begriff und Gegenstand - und Identifikation des Begriffs mit dem Gegenstand bilden einen selbstbestätigenden Zirkel. Bestätigung ist nicht Identität. Die Unentrinnbarkeit des mythischen Zirkels dient ihrer eigenen Apologie: "Es ist einfach nichts zu machen."
Ziel kritischen Denkens wäre, Mythen zu kippen. Das Kippen der Mythen wird zum Mythos. Der Wille, mythisches Denken zu verlassen, entspringt aus der Utopie des besseren Zustands, wo "man ohne Angst verschieden sein kann" (T.W. Adorno, Minima Moralia, S. 131).

Unentrinnbarkeit
Die Kritik an mythischem Denken stellt vor ein methodologisches Problem. "Für die Mythen- Analyse gibt es keinen wirklichen Abschluß, keine geheime Einheit, die sich am Ende der Zergliederungsarbeit fassen ließe.(...) Folglich ist die Einheit des Mythos nur tendenziell oder projektiv, sie spiegelt nie einen Zustand oder ein Moment des Mythos wieder." (C. Levi- Strauss, Das Rohe und das Gekochte, S. 16 f) Kritik kann sich nicht wirklich gegen den Mythos richten, ohne selbst mythisch zu werden. Es gibt keine unvermittelte Erfahrung. Der vereinheitlichten Form der modernen Mythen etwas anderes danebenzusetzen - sie auszuweisen - ist politisches Programm der Gegenwärtigkeit.
Die Mythen werden nicht verlassen werden können. Sie können aber verändert, differenziert, dekonstruiert werden. Die Methode dafür ist nicht universell formulierbar, weil sie keine geschlossene Eigentümlichkeit besitzen kann. Mythos ist nicht Identität. Sie bleibt aber auch nicht unausgewiesen:
Sie ist politisch zu verstehen und lautet:
Achtung des Rechtes des anderen "auf Differenz in seinem Verhältnis zu den anderen, aber auch in seinem Verhältnis zu sich, (...) des Rechtes auf eine Geschichte, auf eine Verwandlung seiner selbst und seines Denkens, das sich nie zu Homogenem totalisieren oder reduzieren läßt (...)
Da wir gerade über den totalitären, faschistischen, nazistischen, rassistischen, antisemitischen (sexistischen) Diskurs reden, von all den Gesten, ob nun diskursiv oder nicht, die der Komplizenschaft mit ihm verdächtigt werden, möchte ich das Mögliche dazu tun und natürlich die anderen dazu einladen, um zu vermeiden, im Spiegelbild, und wäre es virtuell, die Logik des derart inkriminierten Diskurses zu reproduzieren.- (J. Derrida, Wie Meeresrauschen auf dem Grund einer Muschel)

Alltäglichkeit und Nahbereich
Im gegenwärtigen Alltag sind die modernen Mythen allgegenwärtig. Sie konstituieren Alltäglichkeit als Diskriminierungen, Vergewaltigungen, Ausweisungen...
Das Alltägliche ist von identitätslogischen Gegensätzen wie Natur - Mensch, Arbeit - Freizeit, Funktion - Sinnlosigkeit durchzogen. Alltäglichkeit ist der je gegenwärtige Mythos. Medien vermitteln das Alltägliche als unabänderlich.
"Solange (die Menschen) die Alltäglichkeit leben können, rekonstituieren sich die alten Verhältnisse." (H. Lefebvre, Das Alltagsleben in der modernen Welt)

Für die Vergegenwärtigung dieser "alten Verhältnisse" sind Informationen, ihrer immergleichen Perspektive wegen, ziemlich nutzlos.
Die Verhältnisse sind vielmehr gegenwärtig im Nahbereich, im Stadtteil, in der Nachbarschaft. Im Nahbereich kann der Zugriff auf die Verhältnisse möglich werden, indem seine Gegenwart als zitierte gegenwärtig wird.
Auf diese Weise allein erklärt sich der lokale Bezug des Freien Radios.
Ziel des Freien Radios ist nicht Information über den Stadtteil, sondern öffentliche Auseinandersetzung über die Arbeits- und Freizeitverhältnisse im Nahbereich, in deren Mythen das Freie Radio freilich unentrinnbar eingebunden ist.

In dieser Eingebundenheit muß jede Kritik am Alltäglichen aus identitätslogischer Perspektive inkonsistent sein. Daraus zu schließen, solche Kritik sei ungültig, wäre zu kurz gegriffen. Theorie bleibt immer klüger als Praxis.

Identität aus Notwehr
Für ihre Praxis organisieren sich Widerstand, Bewegung, Szene meist - als Patchworks von Personengruppen - um eine gewisse Identität herum. Frauen organisieren sich "als Frauen", Schwule "als Schwule"... Angestellte in der Deutschen Angestelltengewerkschaft. Dies ist die Ausgangssituation im Freien Radio: "Differenz verbindet" (F. Jameson).
Die Utopie liegt aber in der Übertretung und Dekonstruktion der (als Patchwork fragmentierten) Identitäten.

Im Mythos seiner Verschiedenartigkeit kann Freies Radio dem Unbegriffenen eingedenk bleiben, die Kontingenz der je gegenwärtigen Identitäten sichtbar machen.
Das Fragmentarische der Sendungen hebt gradlinige, identische Geltungsansprüche auf. Das Aufbrechen des "und" als Zwangsformat erscheint zwischen programmlicher Kontinuität und Diskontinuität. Radio ist ein gradliniges Medium. In seinem Echtzeit-Fortgang, dem notwendigen Hintereinander der Laute, entkommt es niemals dem "und" als identitätslogischer Konjunktion und produziert immer Identität.