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QUERFUNK 104,8 MHz
Freies Radio Karlsruhe |
Lesebuch
Studio 0721 / 38 50 30 |
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das radio als generator
das radio als organisator
das radio als mediator
das radio als initiator
das radio als segregator
das radio als medium für querfunk
vorbemerkung
öffentlich-rechtliche und private radiostationen sind in ihrem
medienverständnis einander nicht alternativ; sie können sich in
ihrer sendepraxis unterscheiden. ihre abhängigkeit von
hörerinnenreichweiten läßt sie in konkurrenz zueinander treten
um die gunst der hörenden und die der werbenden. die folge ist
eine angleichung der grundlegenden konzeptionen, mit denen
einerseits politische legitimation, andererseits möglichst
große teile möglichst kaufkräftiger schichten erreicht werden
sollen.
traditionell gehen diese konzeptionen von einseitigen
beziehungen zwischen radiostation und hörenden aus: da sendung,
dort empfang. der einfluß der hörenden auf das gesendete
besteht dabei im ein-, ab- und umschalten des radios. dies wird
in quoten umgerechnet.
modelle wie talk radio ändern diese beziehung nicht
grundsätzlich: zwar können die hörenden nun ihre eigene stimme
im äther hörbar machen, werden dabei aber moderiert und
gewinnen keinen zugriff auf die eigentliche radioproduktion. so
bleibt ihre teilnahme ein feed back innerhalb eines geregelten
zusammenhanges, eine monochromatische rückkopplung, wie sie bei
konzerten gelegentlich vorkommt: der ausgestrahlte grundton ist
in seiner frequenz durch den apparat definiert und
unveränderlich; andere töne wirken nur anregend, werden im
apparat bearbeitet und schließlich in den grundton
eingeschmolzen.
die unabhängigkeit eines nichtkommerziellen radios von
werbeeinnahmen (so mühsam sich die finanzierung eines solchen
projektes auch gestalten mag) schafft die möglichkeit, das
verhältnis sendende-empfangende anders zu bestimmen. im
folgenden die überlegungen des QUERFUNK dazu.
ein generator (im physikalischen sinne) setzt eine form von
energie in eine andere um, beispielsweise kinetische
(bewegungs-) energie in elektrische.
radiosendungen setzen politische, kulturelle, d.h. gedankliche
bewegungen in akustische (und dann elektromagnetische)
bewegungen um. empfangen kann die akustische bewegung bei den
hörenden wiederum zu gedanklicher bewegung führen.
die eingespeiste bewegung ist der form nach also gleich der im
empfang entstehenden; das radio wird so zum medium der
bewegung. die empfangenden könnten, da mit gleichen
zugangsmöglichkeiten ausgestattet wie die sendenden, an deren
stelle treten. indem freies radio ihnen diese möglichkeit
verschafft, produziert es seine eigenen produktionsmittel:
strukturen und bedeutungen in akustischen zeichen.
allerdings geht, wie auch beim generator, der übergang von
einer bewegungsform in eine andere nicht ohne verluste vor
sich. was die durch reibung im elektrischen generator
entstehende wärme ist, sind frust und qualifikation für die
radioarbeit: sie binden kräfte, ohne sich in jedem fall in
bewegung umzusetzen.
was schließlich empfangen wird, ist nicht identisch mit dem
gesendeten. und treten die hörenden an die stelle jener, deren
sendungen sie empfingen, so wird, was sie senden, sich
unterscheiden von dem, was sie hörten. das radio als generator
lebt damit, daß es verändert wird.
die vermittlung besteht so nicht allein im transport der
sendung; während dieses transportes wird der inhalt verändert:
er wird sowohl reduziert wie auch mit neuen akzenten versehen.
im medium findet dann die produktion von produktionsmitteln
statt.
radio organisiert. die hörenden werden bewegt von der musik und
den warmen stimmen der moderierenden. sentiment und schnelle
rhythmen, vorhanden in werbung und programm, geben impulse zu
entscheidungen. bleibt das erkennbare des radios auf das
autoradio oder den volksempfänger im zimmer reduziert, seine
struktur und die betreibenden den hörenden jedoch verborgen, so
werden diese zu bewegten objekten, das radio dagegen zum
statischen beweger.
indem freies radio den hörenden zugriff verschafft, können sie
zu bewegten und bewegenden subjekten werden.
zwar wird auch hier mit einer gruppe ebenso deren konsum
organisiert; es kann aber die gruppe selbst sein, die sich
innerhalb bestehender ökonomie und konsumtion bewegt.
freies radio versucht, die sendenden ihrer gewalt über die
hörenden zu entheben. wird die struktur des radios offengelegt,
kann es zum nutzbaren apparat werden: hier ist kommunikation
organisierbar.
zunächst ist die ausstrahlung einer sendung kommunikativer akt.
der strom vom mikrophon zum lautsprecher kann aber in nicht
planbarer weise unterbrochen werden durch anrufe und besuche
(möglich, weil das sendestudio inmitten einer wohngegend
liegt): dialog bricht in die struktur der sendung ein.
um die sendungen selbst gruppieren sich wiederum kommunikative
strukturen. interviews, redaktionstreffen und gemeinsame
auswertungen hörender und sendender bestimmen die gestalt der
programme ebenso wie erfahrungen, vorurteile und
musikgeschmack. der apparat wird verändert nach gemeinsam
ermittelten bedürfnissen.
so wird das radio zum vermittler über seine begrenzte
medialität hinaus. hier können sich knoten knüpfen zur
vernetzung verschiedener gruppen. die kommunikation innerhalb
des radios, zum radio hin und vom radio weg wird
zusammengeführt.
nichtkommerzielles radio kann hierarchische strukturen im
projekt vermeiden. die sendenden konkurrieren nicht um ihren
lebensunterhalt und quoten; ihre positionen im projekt bleiben
flexibel. die plätze an mikrophon und mischpult können von
wechselnden gruppen eingenommen werden; organisatorische und
technische verantwortlichkeiten sollen kollektiv erfüllt
werden. der technische apparat wird verschlissen und je neu
produziert. der umgang mit ihm löst reaktionen aus bei hörenden
wie sendenden, läßt qualifikation und handeln entstehen. dies
kann dazu führen, die struktur des technischen apparates auch
als befreiende zu nutzen: wer im freien radio arbeitet, muß
ersetzbar bleiben. was im freien radio gearbeitet wird, muß als
ziel die ständige neuformulierung der arbeit und ihrer
strukturierung haben. apparat, arbeit und personal sind nicht
aufeinander angewiesen.
zusammenfassend läßt sich sagen: freies radio ist der versuch,
ein medium aus seinem verwertungszusammenhang zu lösen. ziel
ist dabei die emanzipation der hörenden und sendenden innerhalb
der konventionellen medienlandschaft. dies vorhaben hat
konsequenzen für strukturen und inhalte des projektes: die
möglichkeit permanenten zugriffs erfordert ihre ständige
veränderbarkeit.