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Kultur --- Dynamik
Kultur ist Bewegung - "dynamischer Kulturbegriff"
kultur und KULTUR
Von der Kultur ist es nicht leicht zu sagen, was sie eigentlich ist. Zwei Bedeutungsbereiche des
Wortes sind schon einmal von vornherein zu unterscheiden: KULTUR und
kultur.
Unter kultur sei hier das verstanden, was eher Werks- oder Kunst-Charakter hat, also die
ganze Sphäre von zum Beispiel Musik, Theater, bildender Kunst und so weiter, inklusive
modernerer Gattungen wie Comic, Videoclip etc.
KULTUR demgegenüber bezeichnet generell Ausdrucksformen des gesamten
zwischenmenschlichen Bereichs: Konflikte, Umgang mit Differenzen, Veränderung,
Geschichte; hierzu gehören unter vielem anderen soziale Zeichensysteme wie Gesprächskultur,
Eßkultur, Sport, Hygiene, Sexualität, Religion, Verkehr, Arbeit und-so-fort-bis-ins-unendliche;
hier überall drücken sich Beziehungen zwischen Menschen aus.
Was das Sprechen über Kultur so schwierig macht, ist unter anderem, daß normalerweise kein
Mensch ausdrücklich dazu sagt, ob gerade von KULTUR oder kultur die Rede ist; und daß
dieser Unterschied doch recht papieren ist, ist gerade im Radio ein echtes Problem.
Vielmehr aber dürfte der Grund für die Unmöglichkeit, die beiden Bedeutungen des Wortes
"Kultur"- auseinanderzuhalten, der sein, daß sie halt, obwohl verschieden, praktisch schwer zu
trennen sind. kultur gehört zur KULTUR, und KULTUR wiederum bestimmt zu einem
wesentlichen Teil die kultur.
Zum Beispiel definiert sich eine sogenannte Subkultur immer sowohl über Ereignisse, die der
kultur zuzurechnen sind (Musik, Kunst etc.), mindestens so sehr aber auch über
KULTURphänomene wie Mode, Paarungsverhalten, Umgangsformen, Eß- bzw. auch
manchmal eher Trinksitten etc. Keiner der beiden Bedeutungsbereiche scheint dabei ohne den
jeweils anderen auszukommen.
Subkulturen sind eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Sie definieren sich vermittels der
Ablehnung einer von ihnen wahrgenommenen "Kultur der Mehrheit". Damit stellen sie einen
sensibilisierten Bereich für gesellschaftliche Abtrünnigkeit auch im politischen Sinne dar.
Andererseits wird die hierin liegende Möglichkeit für die Entwicklung und Dynamisierung
neuer zwischenmenschlicher Beziehungen - einer neuen KULTUR - meistens nicht genutzt:
Die Ablehnung des "Anderen" führt vielmehr zur Bildung einer eigenen festen Identität, die
dazu neigt, statisch, also unveränderlich zu werden. Dazu gehört dann zum Beispiel die
Verfestigung eines Sprachmusters, das gegenüber der mehrheitlichen Sprache nicht nur nicht
erweitert, sondern sogar verengt ist.
Eine solche Subkultur ist von der Gesellschaft leicht zu integrieren. Sie kann Subkulturen als
Reservoir nutzen, aus dem sie sich immer wieder die nötigen neuen Talente besorgt. KULTUR
und kultur, also zum Beispiel Kleidung und Musik in ihrer subkulturellen Verbindung,
verleihen dabei einerseits dem Wunsch nach Revolte Ausdruck, wirken aber zugleich
systemstabilisierend, indem sie einen wohltuenden Abstand zur Mehrheit schaffen oder
zumindest zu schaffen scheinen. Wer Samstag nachts den Rebellen oder die Rebellin markieren
kann, hält Alltag und Arbeit in der universellen Fabrik vielleicht gerade darum besser aus. Die
Subkultur stellt eine parallele Alltäglichkeit her, die, auf Mythen wie dem von der
Jugendlichkeit basierend und über kommerzialisierbare Gegenstände bezeichnet, in den Markt
integriert wird. Sie ist ein ungefährliches Paralleluniversum, das mit der werktäglichen
Alltäglichkeit in friedlicher Koexistenz lebt.
Eine Chance, dieser Falle zu entgehen, hat nur eine dynamische Kultur, eine Kultur der
Bewegung und Veränderung.
Konzepte, die Kultur als etwas Starres, Festgefügtes ansehen, das für eine wie auch immer
definierte Gruppe von Menschen eine Identität festschreibt, stabilisieren die bestehende
Ordnung. In der Version neurechter Konzepte, die Kultur nur als verschämte Umschreibung
für Volk verwenden, sind sie sogar reaktionär. Indem Menschen zu Repräsentanten oder
Repräsentantinnen verschiedener Kulturen, sprich: Völker gemacht werden, wird ein staatlicher
Handlungsbedarf herbeigeredet, um die angeblichen "kulturellen Differenzen"- zu moderieren.
Ein dynamischer Begriff von Kultur sieht demgegenüber in Kultur immer nur eine
Momentaufnahme der Beziehungen zwischen bestimmten Menschen. Emanzipatorisch wirkt
diese Dynamik, wenn sie dazu beiträgt, diese Beziehungen im Hinblick auf ein besseres Leben
weiterzuentwickeln. Eine solche dynamische Kultur, die in Opposition zu statischen
Kulturkonzepten steht, ließe sich dann vielleicht auch Gegenkultur nennen, die kultur immer in
KULTUR rückkoppelt.