QUERFUNK 104,8 MHz

Freies Radio Karlsruhe
Steinstraße 23
76133 Karlsruhe

Lesebuch

Studio 0721 / 38 50 30
Büro 0721 / 38 78 58
Fax 0721 / 38 50 20

 

www.querfunk.de
info@querfunk.de
Kommentar loswerden

Zum Lesebuchinhalt

Kultur ist Bewegung - "dynamischer Kulturbegriff"

kultur und KULTUR
Von der Kultur ist es nicht leicht zu sagen, was sie eigentlich ist. Zwei Bedeutungsbereiche des Wortes sind schon einmal von vornherein zu unterscheiden: KULTUR und kultur.
Unter kultur sei hier das verstanden, was eher Werks- oder Kunst-Charakter hat, also die ganze Sphäre von zum Beispiel Musik, Theater, bildender Kunst und so weiter, inklusive modernerer Gattungen wie Comic, Videoclip etc.
KULTUR demgegenüber bezeichnet generell Ausdrucksformen des gesamten zwischenmenschlichen Bereichs: Konflikte, Umgang mit Differenzen, Veränderung, Geschichte; hierzu gehören unter vielem anderen soziale Zeichensysteme wie Gesprächskultur, Eßkultur, Sport, Hygiene, Sexualität, Religion, Verkehr, Arbeit und-so-fort-bis-ins-unendliche; hier überall drücken sich Beziehungen zwischen Menschen aus.
Was das Sprechen über Kultur so schwierig macht, ist unter anderem, daß normalerweise kein Mensch ausdrücklich dazu sagt, ob gerade von KULTUR oder kultur die Rede ist; und daß dieser Unterschied doch recht papieren ist, ist gerade im Radio ein echtes Problem.
Vielmehr aber dürfte der Grund für die Unmöglichkeit, die beiden Bedeutungen des Wortes "Kultur"- auseinanderzuhalten, der sein, daß sie halt, obwohl verschieden, praktisch schwer zu trennen sind. kultur gehört zur KULTUR, und KULTUR wiederum bestimmt zu einem wesentlichen Teil die kultur.
Zum Beispiel definiert sich eine sogenannte Subkultur immer sowohl über Ereignisse, die der kultur zuzurechnen sind (Musik, Kunst etc.), mindestens so sehr aber auch über KULTURphänomene wie Mode, Paarungsverhalten, Umgangsformen, Eß- bzw. auch manchmal eher Trinksitten etc. Keiner der beiden Bedeutungsbereiche scheint dabei ohne den jeweils anderen auszukommen.
Subkulturen sind eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Sie definieren sich vermittels der Ablehnung einer von ihnen wahrgenommenen "Kultur der Mehrheit". Damit stellen sie einen sensibilisierten Bereich für gesellschaftliche Abtrünnigkeit auch im politischen Sinne dar. Andererseits wird die hierin liegende Möglichkeit für die Entwicklung und Dynamisierung neuer zwischenmenschlicher Beziehungen - einer neuen KULTUR - meistens nicht genutzt: Die Ablehnung des "Anderen" führt vielmehr zur Bildung einer eigenen festen Identität, die dazu neigt, statisch, also unveränderlich zu werden. Dazu gehört dann zum Beispiel die Verfestigung eines Sprachmusters, das gegenüber der mehrheitlichen Sprache nicht nur nicht erweitert, sondern sogar verengt ist.
Eine solche Subkultur ist von der Gesellschaft leicht zu integrieren. Sie kann Subkulturen als Reservoir nutzen, aus dem sie sich immer wieder die nötigen neuen Talente besorgt. KULTUR und kultur, also zum Beispiel Kleidung und Musik in ihrer subkulturellen Verbindung, verleihen dabei einerseits dem Wunsch nach Revolte Ausdruck, wirken aber zugleich systemstabilisierend, indem sie einen wohltuenden Abstand zur Mehrheit schaffen oder zumindest zu schaffen scheinen. Wer Samstag nachts den Rebellen oder die Rebellin markieren kann, hält Alltag und Arbeit in der universellen Fabrik vielleicht gerade darum besser aus. Die Subkultur stellt eine parallele Alltäglichkeit her, die, auf Mythen wie dem von der Jugendlichkeit basierend und über kommerzialisierbare Gegenstände bezeichnet, in den Markt integriert wird. Sie ist ein ungefährliches Paralleluniversum, das mit der werktäglichen Alltäglichkeit in friedlicher Koexistenz lebt.

Kultur --- Dynamik
Eine Chance, dieser Falle zu entgehen, hat nur eine dynamische Kultur, eine Kultur der Bewegung und Veränderung.
Konzepte, die Kultur als etwas Starres, Festgefügtes ansehen, das für eine wie auch immer definierte Gruppe von Menschen eine Identität festschreibt, stabilisieren die bestehende Ordnung. In der Version neurechter Konzepte, die Kultur nur als verschämte Umschreibung für Volk verwenden, sind sie sogar reaktionär. Indem Menschen zu Repräsentanten oder Repräsentantinnen verschiedener Kulturen, sprich: Völker gemacht werden, wird ein staatlicher Handlungsbedarf herbeigeredet, um die angeblichen "kulturellen Differenzen"- zu moderieren. Ein dynamischer Begriff von Kultur sieht demgegenüber in Kultur immer nur eine Momentaufnahme der Beziehungen zwischen bestimmten Menschen. Emanzipatorisch wirkt diese Dynamik, wenn sie dazu beiträgt, diese Beziehungen im Hinblick auf ein besseres Leben weiterzuentwickeln. Eine solche dynamische Kultur, die in Opposition zu statischen Kulturkonzepten steht, ließe sich dann vielleicht auch Gegenkultur nennen, die kultur immer in KULTUR rückkoppelt.