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Freies Radio Karlsruhe
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Klang, Laut, und Geräusch -
wie geht freier Gesellschaftsfunk mit seinem akustischen Material um?

Vielleicht    sind Laute all das, was Menschen mit ihren Stimmbändern produzieren.
Vielleicht    ist Klang all das, was Menschen zu akustischen Ereignissen formen.
Vielleicht    ist Geräusch all das, was ohne menschlichem Einfluß akustisches Ereignis wird.
    Wer weiß.
Wer weiß, ob jemand hört, wenn in einer verlassenen Wüste ein Toaster explodiert? Selbst wenn ihn jemand hört, weiß der dann, ob der Toaster nicht doch vielleicht ein Ufo war? Radio ist ein gewählter und gestalteter Rahmen für akustische Ereignisse, und wenn wir Radio machen, hoffen wir natürlich darauf, nicht besagter Toaster zu sein.
RadiomacherInnen haben Macht und Manipulationsmöglichkeiten, also Verantwortung. Die Art der Verwendung von Klängen, Lauten und Geräuschen, deren Verknüpfung, Gegenüberstellung und Verhältnismäßigkeit gibt den Hörenden Interpretationsmöglichkeiten an die Ohren. Sie müssen urteilen: hören.
Dessen müssen sich GestalterInnen Freien Radios bewußt sein. Ziel Freien Radios kann nicht sein, scheinbare Objektivitäten zu errichten. Die Auswahl und Gestaltung des Gesendeten liegt letztendlich in der Verantwortung des oder derjenigen Radiomachenden bzw. der jeweils gemeinsam sendenden Gruppe, ist daher subjektiv und so auch zu kennzeichnen.
Freies Radio ist nicht an kommerzielle Interessen gebunden und hat es daher nicht nötig, eine schöne, fröhliche, glatte und angenehme Welt vorzuspiegeln. Ein ruhiger Fluß innerhalb des Programms und der Sendungen ist weder nötig noch wünschenswert. Brüche, Gegensätze, Pausen, Pannen sind erwünscht und dienen der Irritation. Unbekannte, Nischen-, subkulturelle, ex-zentrische, Untergrund -, neue, alte, ungewöhnliche, ungewohnte, marginalisierte, "andere" (jetzt wieder Luft holen) "Äußerungen" dürfen nicht ausgeblendet werden, Freies Radio bietet sich als Forum und Möglichkeit einer (?)-Öffentlichkeit an.

Wie jetzt mit Klang, Laut und Geräusch? Was soll eine Wortwurst wie "Äußerungen"? Konkret.

Wortwü(r)ste und Klangsalate
Die Trennung zwischen "Wort" und "Musik" (ersatzweise auch Klang, Laut oder Geräusch) fällt schwer, letztlich gibt es für uns gar keine. Es ist das akustische Material, aus dem ein Interesse an gesellschaftlichen oder kulturellen Vorgängen und Phänomenen - wie einem lustvollen Musikhören - entstehen kann. Andererseits kann ein Interesse an gesellschaftlichen Phänomenen zu einem Interesse an Musik führen. Im folgenden wird versucht, einige mögliche Herangehensweisen an "Musik" im Freien Radio vorzustellen. Dabei kann man für "Musik" sicherlich auch "Text" oder auch "Klang, Laut und Geräusch" einsetzen.

Blabla-Streß oder: Historisierung
Eine Möglichkeit der Präsentation von Musik ist die, den Versuch zu machen, die Geschichte und Entstehungsweise, bzw. den Kontext, aus dem eine Musik kommt, zu beleuchten. Jede Musik, die aus ihrem Kontext gelöst wird, kann mißverstanden werden. Daher ist es Aufgabe des Freien Radios den Kontext, die Entstehungsgeschichte zu recherchieren. Das kann durch das Zurückgreifen auf andere schriftliche oder akustische Quellen geschehen; dabei ist es wichtig, die Autoren und deren Sicht zu nennen. Eine andere Möglichkeit ist das Interview. Auch der eigene Standpunkt und die eigene Sichtweise müssen einhörbar gemacht werden. Praktisch heißt das:

Dieser Schlagsatz mag das Feld zwischen Star-Mythos und Im-Bett-mit-so-und-so umreißen: Wir durchleuchten, hinterfragen Starmythen, hüten uns aber vor jeder unangebrachten Intimforschung in Privatbereichen.

Kunstkacke, Formerweiterung, -nutzung und -sprengung
Das Experimentieren mit allen Formen der Gestaltung akustischen Materials hat seinen festen Platz im Programm. Sei es Collage, Montage, radiophone Musik, Explosionen vor laufendem Mikrophon, Dia-Shows, ein Mikrophon auf der Kreuzung, was auch immer: Freies Radio experimentiert mit allen Formen.

Nicht (nur) andere Musik, sondern andere Präsentation von Musik. Die Beschränkungen des Radiomachens werden aufgelöst, alle Mittel ausgeschöpft, jedes Pulver verschossen.
Der Sprecherin verschwindet im eigenen Echo, während der freie Jazz auf dem linken Kanal aufdreht, ein Biß in den Apfel ist wie das Vogelzwitschern vor dem Studiofenster und kurz danach ein Breakbeat, über dem der Anruferin sein Gitarrensolo spielt, der Wort-Tag frißt die Musik-Nacht, indem er Telefonbücher handverliest, radiophone Musik wird gemacht und verschwindet gemeinsam mit besendeten Sendenden im Äther.

Lust und Rausch
Spaß ist vielleicht kein Spaß, oder doch, jedenfalls darf Freies Radio auch unterhalten, be- LUSTigen, berauschen. Nichts spricht dagegen, alle Sinne maximal zu reizen, allerdings nicht zur Ankopplung an oder zur Vermarktung von Produkten. Es wird endlich die Nachmittagssendung geben, die den Tanztee in Wohnzimmer und Flur ermöglicht, die wochenlang dauernde Dub-beschallung und so weiter.
Zwischen Bla-Bla-Streß, Kunstkack und Rausch gibt es klarerweise Überschneidungen, dennoch muß sich der/die RadiomacherIn über die eigenen Intentionen im Klaren sein und diese den HörerInnen kenntlich machen.