|
QUERFUNK 104,8 MHz
Freies Radio Karlsruhe |
Lesebuch
Studio 0721 / 38 50 30 |
| Zum Lesebuchinhalt |
Wie jetzt mit Klang, Laut und Geräusch? Was soll eine Wortwurst wie "Äußerungen"?
Konkret.
Wortwü(r)ste und Klangsalate
Blabla-Streß oder: Historisierung
Kunstkacke, Formerweiterung, -nutzung und -sprengung
Nicht (nur) andere Musik, sondern andere Präsentation von Musik. Die Beschränkungen des
Radiomachens werden aufgelöst, alle Mittel ausgeschöpft, jedes Pulver verschossen.
Lust und Rausch
Klang, Laut, und Geräusch -
Vielleicht sind Laute all das, was
Menschen mit ihren Stimmbändern produzieren.
wie geht freier Gesellschaftsfunk
mit seinem akustischen Material um?
Vielleicht ist Klang all das, was Menschen zu akustischen Ereignissen formen.
Vielleicht ist Geräusch all das, was ohne menschlichem Einfluß akustisches Ereignis wird.
Wer weiß.
Wer weiß, ob jemand hört, wenn in einer verlassenen Wüste ein Toaster explodiert? Selbst
wenn ihn jemand hört, weiß der dann, ob der Toaster nicht doch vielleicht ein Ufo war?
Radio ist ein gewählter und gestalteter Rahmen für akustische Ereignisse, und wenn wir Radio
machen, hoffen wir natürlich darauf, nicht besagter Toaster zu sein.
RadiomacherInnen haben Macht und Manipulationsmöglichkeiten, also Verantwortung. Die
Art der Verwendung von Klängen, Lauten und Geräuschen, deren Verknüpfung,
Gegenüberstellung und Verhältnismäßigkeit gibt den Hörenden Interpretationsmöglichkeiten
an die Ohren. Sie müssen urteilen: hören.
Dessen müssen sich GestalterInnen Freien Radios bewußt sein. Ziel Freien Radios kann nicht
sein, scheinbare Objektivitäten zu errichten. Die Auswahl und Gestaltung des Gesendeten liegt
letztendlich in der Verantwortung des oder derjenigen Radiomachenden bzw. der jeweils
gemeinsam sendenden Gruppe, ist daher subjektiv und so auch zu kennzeichnen.
Freies Radio ist nicht an kommerzielle Interessen gebunden und hat es daher nicht nötig, eine
schöne, fröhliche, glatte und angenehme Welt vorzuspiegeln. Ein ruhiger Fluß innerhalb des
Programms und der Sendungen ist weder nötig noch wünschenswert. Brüche, Gegensätze,
Pausen, Pannen sind erwünscht und dienen der Irritation. Unbekannte, Nischen-, subkulturelle,
ex-zentrische, Untergrund -, neue, alte, ungewöhnliche, ungewohnte, marginalisierte, "andere"
(jetzt wieder Luft holen) "Äußerungen" dürfen nicht ausgeblendet werden, Freies Radio bietet
sich als Forum und Möglichkeit einer (?)-Öffentlichkeit an.
Die Trennung zwischen "Wort" und "Musik" (ersatzweise auch Klang, Laut oder Geräusch)
fällt schwer, letztlich gibt es für uns gar keine. Es ist das akustische Material, aus dem ein
Interesse an gesellschaftlichen oder kulturellen Vorgängen und Phänomenen - wie einem
lustvollen Musikhören - entstehen kann. Andererseits kann ein Interesse an gesellschaftlichen
Phänomenen zu einem Interesse an Musik führen. Im folgenden wird versucht, einige mögliche
Herangehensweisen an "Musik" im Freien Radio vorzustellen. Dabei kann man für "Musik"
sicherlich auch "Text" oder auch "Klang, Laut und Geräusch" einsetzen.
Eine Möglichkeit der Präsentation von Musik ist die, den Versuch zu machen, die Geschichte
und Entstehungsweise, bzw. den Kontext, aus dem eine Musik kommt, zu beleuchten. Jede
Musik, die aus ihrem Kontext gelöst wird, kann mißverstanden werden. Daher ist es Aufgabe
des Freien Radios den Kontext, die Entstehungsgeschichte zu recherchieren. Das kann durch
das Zurückgreifen auf andere schriftliche oder akustische Quellen geschehen; dabei ist es
wichtig, die Autoren und deren Sicht zu nennen. Eine andere Möglichkeit ist das Interview.
Auch der eigene Standpunkt und die eigene Sichtweise müssen einhörbar gemacht werden.
Praktisch heißt das:
Dieser Schlagsatz mag das Feld zwischen Star-Mythos und Im-Bett-mit-so-und-so
umreißen: Wir durchleuchten, hinterfragen Starmythen, hüten uns aber vor jeder
unangebrachten Intimforschung in Privatbereichen.
Das Experimentieren mit allen Formen der Gestaltung akustischen Materials hat seinen festen
Platz im Programm. Sei es Collage, Montage, radiophone Musik, Explosionen vor laufendem
Mikrophon, Dia-Shows, ein Mikrophon auf der Kreuzung, was auch immer: Freies Radio
experimentiert mit allen Formen.
Der Sprecherin verschwindet im eigenen Echo, während der freie Jazz auf dem linken Kanal
aufdreht, ein Biß in den Apfel ist wie das Vogelzwitschern vor dem Studiofenster und kurz
danach ein Breakbeat, über dem der Anruferin sein Gitarrensolo spielt, der Wort-Tag frißt die
Musik-Nacht, indem er Telefonbücher handverliest, radiophone Musik wird gemacht und
verschwindet gemeinsam mit besendeten Sendenden im Äther.
Spaß ist vielleicht kein Spaß, oder doch, jedenfalls darf Freies Radio auch unterhalten, be-
LUSTigen, berauschen. Nichts spricht dagegen, alle Sinne maximal zu reizen, allerdings nicht
zur Ankopplung an oder zur Vermarktung von Produkten. Es wird endlich die
Nachmittagssendung geben, die den Tanztee in Wohnzimmer und Flur ermöglicht, die
wochenlang dauernde Dub-beschallung und so weiter.
Zwischen Bla-Bla-Streß, Kunstkack und Rausch gibt es klarerweise Überschneidungen,
dennoch muß sich der/die RadiomacherIn über die eigenen Intentionen im Klaren sein und
diese den HörerInnen kenntlich machen.