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Der Karlsruher Hörspielpreis wird von der Kulturredaktion ausgerichtet

PreisträgerInnen 2001

Ecki Göbel und Team (Weimar):
"Acht Uhr Eins"

Misha Nothegger, Gerlinde Hudl (Wien, A):
"Der mörderisch gute Aktenvernichter"

Mike Markart, Ingo Timmerer (Gross St. Florian, A):
"Magritte"

Michael Stauffer, René Desalmand (Frauenfeld, Ch):
"Pfirde"


Ecki Göbel und Team (Weimar): "Acht Uhr Eins" 2001 (12:24 min)
Text und Regie : Ecki Göbel, Produktion: Klaus Heiner Schenk

"Acht Uhr Eins" spielt in der Küche eines Blinden. Sämtliche Maschinen und Geräte, selbst der Mülleimer haben die menschliche Sprache zwar nicht akzentfrei, dennoch fast perfekt erlernt. So entsteht untereinander Kommunikation, die Küchengeräte und anderen Maschinen aus dem Haushalt leben in einer fröhlichen Lebensgemeinschaft mit all den Höhen und Tiefen. Der Herd tröstet den Kühlschrank, der an Schlafstörungen leidet. Die Uhr und das Radio streiten sich, wer die Zeit ansagen darf. Alles ganz menschlich. Doch eines morgens bringt der Rasierer, der aus dem fernen Badezimmer anreist, beunruhigende Nachrichten...

Querfunk-Kultur hat sich entschlossen dieses Hörspiel von Ecki Göbel aus Weimar mit einer Roten Röhre zu prämieren, da uns vor allem die witzigen Dialoge zwischen den Geräten sehr gut gefallen haben. Dadurch, daß die Geräte unter anderem mit entsprechenden Dialekten ausgestattet wurden, werden die einzelnen Charaktere witzig, treffend und einfach herausgestellt. Auszeichnungswürdig finden wir auch den Aufbau des Stückes, denn die Spannung des kurzweiligen Küchenhörspieles, die sich gegen Ende immer mehr steigert, entlädt sich unerwartet am Schluß der Geschichte.


Misha Nothegger, Gerlinde Hudl (Wien, A): "Der mörderisch gute Aktenvernichter" 2001 (1:22 min)
Text und Regie: Misha Nothegger, Gerlinde Hudl

In der Rubrik Kurzknaller vergaben wir dieses Jahr eine Rote Röhre. Ein Produzentinnenteam hat es geschafft 'eine wahrhaft spannende Geschichte' als Kurzhörstück zu präsentieren. Ohne viel Aufwand, ohne viel Zauberei ist ein gutes humorvolles Stück entstanden. Dazu noch die ausgefallene Handlung, genau das hat die Jury dann überzeugt. Der Aktenvernichter als Station kurz vor dem Ende des Geschriebene agiert wie es sich gehört. Dadurch erlischt die Funktion des Papieres, hier als weibliche Figur dargestellt, gewaltig, lustig, sehr kreischend, doch lustvoll. Erst vernichtet ist jedes Blatt gleich und doch sollte es jedem Papier zweimal passieren.


Mike Markart, Ingo Timmerer (Gross St. Florian, A): "Magritte" 2001 (29:59 min)
Text und Regie: Mike Markart, Musik: Ingo Timmerer

Eine der vier Roten Röhren die Querfunk-Kultur vergibt, geht an Mike Markart und Ingo Timmerer aus Österreich. Ob der Titel in Zusammenhang mit dem surrealistischen Maler René Magritte steht, haben wir uns beim ersten gemeinsamen Hören gefragt. Der sagte einmal: "Ich sehe nur das, was jedermann sieht: den Himmel, Bäume, Berge. Ich sehe nichts Unsichtbares wie die Menschen die Visionen haben." Magritte haßte es wenn seine Bilder interpretiert wurden, wollte keineTraumwelt hineingedeutet wissen. Seine Kunst war es, mit vertrauten Gegenständen unseren Sinn fürs Alltägliche zu zerstören, unsere Gewohnheiten zu sabotieren und die reale Welt in Frage zu stellen. Mike Markart aus Gross St. Florian in Österreich, schafft mit seinem bereits preisgekrönten Text etwas ganz ähnliches - auch wenn man nichts von dem Maler Magritte weiß. Alltägliche Begebenheiten und Wahrnehmungen ganz ungewohnt zusammengebracht, scheinen trotzdem eine Handlung zu ergeben, aufmerksames Zuhören fällt leicht. Die zu Wortspitzen ausgefeilten Texte begeistern: "Auf einem der vielen Balkone sitzt eine Familie, eingeschlagen in Eichenholz. Ein schönes Bild. Die verbringen einen Sonntagnachmittag nach dem Vorbild der großen Ordnung, denke ich. Frachtfertige Menschen. Jener ideale Zustand." Mit fotografischen stark verlangsamenden Wahrnehmungen schärft Markart die Sinne: "Zuerst kommt der Hund, dann die gespannte Leine, die von seinem Hals in einer Diagonalen zu seiner Hand führt, welche aus einem hellbraunen Mantelärmel hervorgeht, dann ist die Frau schon vollkommen aus dem Haus getreten." Fein, sehr sorgsam ausgewählt und bearbeitet ist die begleitende Musik. Erst langsam ruhig dahin fließend, dann plätschernd um sich am Schluß mit den Ereignissen zu überschlagen, unterstützt der Klangteppich die Handlung ohne sie zu dominieren. Zusammen mit der lakonischen Stimme von Mike Markart entsteht ein dichtes atmosphärisches Stück daß gleichsam eine hypnotische Anziehungskraft auf die Zuhörenden ausübt.


Michael Stauffer, René Desalmand (Frauenfeld, Ch): "Pfirde" 2001 (10:08 min)
Text: Michael Stauffer, Musik: René Desalmand

Exotisches Ethnohörspiel oder sprachinsistierende Dialektstudie? Das Hörspiel "Pfirde" ist für deutsche Ohren eine semantische Herausforderung. Der Schweizer Michael Stauffer aus Frauenfeld hat ein lakonisches Alpendrama verfaßt. Als Chronist bezeugt er, was sich seinerzeit im Emmental abspielte. Obwohl nur Zeuge aus zweiter Hand - die Informationen stammen von seinem Cousin - entwirft er ein kraftvolles Szenario einer entlegenen, auf sich selbst bezogenen Welt. Fantastische Alpenpfirde bevölkern die Alpwiesen. Als pantheistische Kraftwesen scheinen sie den Menschen überlegen zu sein. Diese selbst sind in ihre familiären Bräuche verstrickt, oftmals mit letalem Ausgang, manchmal auch nur mit einer Bankrotterklärung am Ende von Liebschaften. Und weil sich das so schon seit Menschengedenken abspielt, hilft nur der Gesang.

Und überhaupt kommt das Hörspiel fast wie ein Musikstück daher. Als ob es spontan entstanden wäre. Doch die durchgängige Leichtigkeit ist nicht das Ergebnis großer Improvisierkunst oder etwa Zufall. Sorgfältig abgestimmte Klänge und Musiksamples, ausgeprägtes Rhythmusgefühl und der äußerst lockere Vortragsstil ergeben ein stimmiges Ganzes. Lustig ist es alle mal, der Unterhaltungswert steigt sogar beträchtlich beim wiederholten Hörerlebnis. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher Blickwinkel in die Alpen, trotz Schweizerdeutsch und Kuhglockengebimmel bestimmt keine Folklore...