Wahlplakate 2017 – eine kleine Stilkritik

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Die großen Volksparteien – der Politologe Johannes Agnoli sprach mit Blick auf die Bundesrepublik schon 1967, vor genau 50 Jahren, zurecht von der „pluralen Fassung einer Einheitspartei“ – langweilen wie eh und je mit riesigen Köpfen der Spitzenkandidaten; und Slogans, die auf plumpen Konformismus abzielen. Das kann man ihnen freilich nicht einmal vorwerfen, geht es doch darum, ein Maximum schierer Quantität von Wählerstimmen auf die eigene Fraktion zu vereinen:

Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ (CDU)

Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt.“ (SPD)²

Ihr Geheimnis bleibt nach wie vor, wie solche an Einverständnis und Konformismus appellierenden Kräfte es immer wieder schaffen, ausgerechnet der Konkurrenz „Populismus“ vorzuwerfen und das Wort (freilich gegen links wie rechts gleichermaßen) negativ zu konnotieren, sodaß Hetze gegen Minderheiten und sozialpolitische Forderungen gleichermaßen als „populistisch“ abgeschmettert werden. Wie auch immer, hier regiert die Langeweile und das Mittelmaß; und das überrascht nicht einmal, war es doch immer so („Keine Experimente!“ adenauerte es 1957, vor bereits 60 Jahren), typisch deutsch ohnehin.

Jeder weiß auch längst, daß es eigentlich keinen nennenswerten Unterschied macht, ob hierzulande „die Union“ oder aber Sozialdemokraten regieren. Kriegseinsätze und krassen Sozialabbau bekam man auch mit letzteren allemal.

 

Beschauen wir uns also „die kleinen Parteien“, wie die Streber aus der zweiten Reihe ja gern verniedlichend genannt werden. Dabei lassen wir die Nerds von der Piratenpartei („Der Aufstieg der Piratenpartei verläuft so rasant wie der der NSDAP“, 2012) mangels gesellschaftlicher Relevanz mal außen vor.

Die Linkspartei versucht offenbar gezielt, eine bildungsferne Klientel, die menschelnde Wörter belastbaren Aussagen vorzieht, für sich einzunehmen. Sie betreibt einen regelrechten Herz-Jesu-Wahlkampf:

Kinder“ – „Nähe“ – „Respekt“ – „Zuhause“ – „Mensch“ – „Gerecht“ – „Verdient“ – …

wobei das Wort „Kinder“ einem rosa Herz eingeschrieben ist, „Gerecht“ an einem etwas prolligen Goldkettchen baumelt und natürlich „Zuhause“ ein Schlüsselanhänger ist.

Die Grünen versuchen mit etlichen recht pointierten und prägnanten Slogans zu überzeugen, mit weißer Schrift auf violett-grünem Hintergrund nicht unästhetisch – und erstaunlich oft ohne Köpfe der Spitzenkandidaten. Also im Vergleich zu anderen Parteien geradezu intellektuell.

Ganz im Gegensatz zu solcherart linksliberalen Kräften wartet die FDP mit einem bizarren Personenkult auf, die den „Hoffnungsträger“, Spitzenkandidat der selbsternannten Partei der „Leistungsträger“, über Gebühr heraushebt aus all dem profanen Parteiengezänk, schließlich geht es um die Nation. Der zunächst an die Stachanow-Bewegung gemahende Slogan

„Manchmal muß ein ganzes Land vom 10er springen“

läßt allerdings unwillkürlich an Griechenland denken, das seit Jahren mittels jener neoliberalen, nicht zuletzt von Deutschland forcierten Austeritätspolitik kaputtgespart wird und im Lebensstandard tatsächlich einige Meter tief gefallen ist. Seit dieser skrupellosen Krisenpolitik ist die Selbstmordrate dort um über ein Drittel gestiegen. Nun ja, wo gehobelt wird, fallen Späne, und so appelliert der schneidige Retter Deutschlands in spe Christian Lindner mit seinem notorischen Ernst-der-Lage-Gesicht an dieselbe autoritäre Klientel wie die AfD. Überhaupt gefällt sich FDP-Häuptling Der-nie-lächelte in Pose und Miene dessen, der 1932 als Heiland im Wartestand antrat mit dem Wahlspruch „Unsere letzte Hoffnung“. Oberleutnant der Reserve Christian Lindner – „Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer.“ möchte man baldigst den Besuch einer Baumschule empfehlen.
(Sachzwang FM berichtete bereits 2011.)

Doch selbst die indiskutable AfD – auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn – hat ein einziges sympathisches Plakatmotiv anzubieten, bei dem allein das klebrige „Wir“ der Völkischen stört: „Burkas? Wir steh'n auf Bikinis!“ Der ostige Nachwende-Frittenbuden-Apostroph ist hier natürlich obligatorisch; bemerkenswerterweise hat die intellektuell eher schwach aufgestellte Partei ihn aber bei Burka's und Bikini's vergessen …

Leider chancenlos, hat Die Partei mit „Mach keinen Scheiß mit deinem Kreuz!“, was sie dem Schmerzensmann mit Dornenkrone in den Mund legt, einen allzu treffenden Slogan anzubieten, den auch wir Ihnen aufs Innigste empfehlen möchten, sollten Sie demnächst eine Wahlkabine betreten.

 

Ihre Redaktion Sachzwang FM

 

 

post scriptum:

Daß manchmal doch kleine, aber signifikante Unterschiede zwischen „den großen“, den Volksparteien bestehen, verdeutlicht das Gebaren der CDU, die jüngst zur Macht im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gekommen ist. Hier will man – im Einvernehmen mit der FDP und nicht ohne die AfD – die Kennzeichnungspflicht für Polizisten abschaffen (die derzeit ohnehin nur in 9 von 16 Bundesländern besteht). Wer z.B. bei Demonstrationen Opfer polizeilicher Willkür wird, wird es also schwer haben, ohne wenigstens eine aufgedruckte Nummer den prügelnden, verrenkenden, schubsenden oder würgenden Beamten zu identifizieren und der Justiz zuzuführen.³

Befremdlich ist allerdings das Argument, mit dem CDU, FDP, AfD und ihre Brüder und Schwestern im Geiste, die Polizeigewerkschaft, nun die neue Vollkasko-Unschuldsvermutung unterfüttern: Es gehe darum, jenen unerhörten „Generalverdacht“ gegen „unsere Polizisten“, die Freunde und Helfer, abzubauen, ihre Würde und Ehre müsse wieder hergestellt werden, „Rückhalt statt Stigmatisierung“, denn eine Kennzeichnung sei „diffamierend“. Unvermeidlich auch die volkstümliche Rede von den „Prügelknaben der Nation“, womit sie allerdings skurrilerweise als angebliche Opfer gemeint sind – und nicht als exklusiv privilegierte Täter, die ja effektive Nutznießer des staatlichen Gewaltmonopols sind.

Wo ist der Politiker, der Straßenverkehrs-Blitzanlagen als Herabwürdigung der Autofahrerinnen kritisiert? Wo die Politikerin, die die Abschaffung der Nummernschilder fordert? Diese sind nämlich stigmatisierend, Fußgänger und Radfahrerinnen haben keine Nummernschilder. Wo ist der Volkstribun, der die Schließung der Einwohnermeldeämter und Abschaffung der Personalausweise fordert? Beides stellt unbescholtene Bürger unter Generalverdacht. Und das Vermummungsverbot (das bemerkenswerterweise für "unsere Beamten" nicht gilt)? Zeugt es nicht auch von einem Generalverdacht gegen unschuldige Demonstrantinnen und Demonstranten? Von der Vorratsdatenspeicherung ganz zu schweigen …

 

 

²) Man beachte: durchsetzt, nicht etwa umsetzt. Da kann man schon froh sein, daß diesmal nicht von „Durchregieren“ die Rede ist – wie vor über zehn Jahren, als sich der zivilisatorische Vorsprung Merkels (vor einem Trump oder damals Schröder etwa) doch sehr relativierte.

 

³) Daß sich die Kollegen der Exekutive in aller Regel gegenseitig decken, es dann „Aussage gegen Aussage“ steht und schließlich „im Zweifel für den Angeklagten“ entschieden wird, ist ein weiteres Problem. Wird ausnahmsweise doch mal einer einer Gewalttat überführt, ist sogleich die Rede von bedauerlichen „schwarzen Schafen“, also vermeintlichen Einzelfällen.