Nachruf auf Timo

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Timo Stadler

 

* 4. Juli 1969 † 5. Dezember 2015

 

Meine erste Erinnerung an Timo datiert vom Sommer 1993. Mit einem Studienfreund zusammen besuchte ich ein Treffen der Initiative für ein Freies Radio in Karlsruhe, aus der schon bald der Förderverein für ein Freies Radio in Karlsruhe e.V. werden sollte. Die ersten dieser Treffen fanden noch in den Räumlichkeiten des AStA der Universität statt, später traf die stetig wachsende Gruppe sich im Kulturzentrum Tempel und in der Gaststätte Felshof (heute Restaurant Antalya) in der Südstadt. Die Initiative – es sollten noch zwei Jahre bis Sendestart (Juni 1995) ins Land ziehen – bestand maßgeblich aus sympathischen und so engagierten wie ambitionierten Leuten aus dem weiteren Autonomen-Milieu. Es war die Zeit nach der Wiedervereinigung, die berüchtigten Jahre der Pogrome vor Asylunterkünften und der politischen Widerwärtigkeiten, beides ja Tendenzen, die heute wieder aktueller sind als zwischendurch. Dies nur zur Charakterisierung, warum damals diese – schon etwas im Abbröckeln begriffene – Polit- und Hausbesetzer-Szene, dieser Menschenschlag nicht das schlechteste war, wohin man sich orientieren konnte. Wenige Leute z.B. positionierten sich so dezidiert gegen die Grundgesetzänderung, die im selben Jahr 1993 das Recht auf Asyl in der Bundesrepublik bis zur Unkenntlichkeit einschränken, ja de facto abschaffen sollte. Es waren dies Menschen, nicht nur Szenegängerinnen und Szenegänger, die gerne Bands der Hamburger Schule hörten und auch sonst kulturell und politisch auf der Höhe der Zeit waren, die meisten Studierende Mitte zwanzig.

Bei jenem ersten Treffen in den Uni-Räumlichkeiten erinnere ich mich tatsächlich zuerst an Timo, der an ziemlich zentraler Stelle saß und wie alle anderen auch Diskussionsbeiträge einbrachte, aber auch Sachverhalte erklärte und half, Pläne zu schmieden. Pläne für jenen Freien Radiosender, der noch keinen Namen hatte und noch kein Geld, keinen Ort und keine Sendefrequenz. Modisch in besagter Szene – und hier machte Timo wie auch die anderen tonangebenden Leute keine Ausnahme – waren damals kurze Haare (ich hatte lange), Kapuzenpullis und etwas roh wirkende, nicht aber unbedingt militärisch wirkende Stiefel. Die Neonazis hatten den Autonomenlook noch nicht „rekuperiert“, die Verhältnisse waren also noch recht aufgeräumt und übersichtlich.

Ich betone die Radio-Aspekte nicht nur, weil dies mein Zugang zu Timo – wir redeten uns alle mit Vornamen an, logisch; nicht nur szenespezifisch, sondern in der Altersklasse eh selbstverständlich – war, sondern auch, weil das Freie Radio in seinem Leben einen ganz zentralen Platz eingenommen hat. Es lag ihm nicht nur am Herzen (wie noch manch anderen, leider nicht allen in gleichem Maße), sondern Timo hat, soweit ich das einschätzen kann wohl schon seit den neunziger Jahren, mehr oder weniger für das Radio-„Projekt“ (wie das damals szenetypisch hieß und wie ich es bis heute nicht mag) gelebt.

Wahrgenommen habe ich Timo schon als vage zugehörig zu jener Szene, aber ein ganz typischer Vertreter war er dann doch nicht. Meines Wissens hat er weder im besetzten Haus „Steffi“ in der Stephanienstraße 60-64 gewohnt, noch war er in irgendwelchen klandestinen oder sektiererischen linken Grüppchen aktiv. Er hatte sich schon in der Kinemathek (nichtkommerziell-kommunales Kino in Karlsruhe) organisatorisch eingebracht und in der DFG/VK für Kriegsdienstverweigerung engagiert, beides überaus sympathisch. Über seinen – biografisch bedingten – anthroposophischen Hintergrund hat er stets auch schmunzeln können.

In einer Unterhaltung über die Kriegsdienstverweigerung – ich war ja erst zwei Jahre in Karlsruhe, direkt nach dem Zivildienst („Zuvieldienst“) hatte es mich zum Studium in die fremde Stadt, dazu noch ausgerechnet nach Süddeutschland verschlagen – erzählte mir Timo, wie er seinerzeit ganz unverblümt und wohl auch ein bißchen stolz den Wehrdienstverweigerungs-Inquisitionsbeamten in ihren Behörden erklärt habe, „Ich bin Anarchist. Punkt. Ich lehne staatlichen Zwang ab und verweigere hiermit den Kriegsdienst.“ Timo war tatsächlich Totalverweigerer, ließ sich von Staats wegen also auch nicht zum Ersatzdienst zwingen, und ich schämte mich ein wenig, daß ich nicht dergleichen Konsequenz an den Tag gelegt hatte, sondern wie so viele andere mit (zumal nach den 80er Jahren) längst konformistischen Pazifismusphrasen meinen alternativen Zwangsdienst angetreten hatte. Immerhin war ich (was mich aber kalt ließ: sollten sie mich doch feuern!) gerügt worden, meine Eigeninitiative lasse zu wünschen übrig.

Was mich an den Querfunk-Treffen, den – wie es wohl auch in Hausbesetzer- und anderen „Projekten“ üblich war – Plenumssitzungen gleich am meisten faszinierte, war, wie extrem sachlich und ausgesprochen fair die Diskussionen abliefen, weitab von blödem Gealber, kneipenmäßigem Gepolter und selbstgefälligem Salbadern. Diese tatsächliche Diskussionskultur der Linken war mir völlig unbekannt und neu. Jeden ließ man selbstverständlich ausreden, Rede und Gegenrede wurde entlang sachlicher Kriterien stets genügend Raum gegeben, spöttisches Gelächter, autoritäres oder sonstwie dominantes Gehabe gab es schlichtweg nicht; zur Not wurde eine Diskussionsleitung bestimmt, um hier Korrektheit zu garantieren. Dies alles aber so selbstverständlich und nicht etwa eitel und prätentiös. Ein Menschentypus – ganz anders als die karrieristischen und mehrheitlich doch recht einfältigen Studentenkumpels (zumal an der Karlsruher Ingenieursschmiede, die sich zu Unrecht mit dem Titel „Universität“ schmückt) –, der mir so sympathisch war, daß für einige Jahre „integer“ zu meinem Lieblingswort avancierte. So von der bürgerlichen Unverbindlichkeit angeödet war ich, daß mir sogar ein Altvorderer, der von irgendjemand als „die Genossen“ sprach, ganz gewaltig imponierte. Das doofe Klischee will es, daß ein solches linkes Plenum bloß noch aus Redequotierungen, schrulligen Sprachkodizes, selbstgenügsamen Selbstvergewisserungen und sonstigem formalen Krempel besteht, bei Querfunk war von dergleichen nichts zu spüren. Das tollste war allerdings, daß – wie selbstverständlich – ein großes Mißtrauen gegen schnöde Mehrheitsentscheidungen und bloß quantitative Abstimmungsrituale vorherrschte; zum guten Ton gehörte es vielmehr, der verbindlichen Qualität des besseren Arguments im Prozeß von Rede und Gegenrede zu seinem Recht zu verhelfen, sodaß schließlich im Konsenzprinzip Lösungen gefunden werden sollten (und auch meist wurden), mit denen nicht nur jeder leben konnte, sondern die auch wirklich überzeugten und einer vernünftigen Argumentation standhielten. Selbst wenn einmal „bürgerlich“ abgestimmt werden mußte, wenn es gar nicht anders ging, mußte zuvor ausgiebig ein Konsens in Argumenten gesucht worden sein, um niemanden rein quantitativ zu übertölpeln. Umso bemerkenswerter war das, als wirkliche Intellektuelle in den Reihen von Querfunk zu allen Zeiten viel eher die Ausnahme als die Regel gewesen sind. Die zivilisierte Gesprächsführung mußte somit ein tradiertes linkes Gut sein.

Diese monatlichen oder zweiwöchentlichen Treffen, damals eben noch in der Gaststätte Felshof, waren – noch 1 bis 2 Jahre vor dem damals noch ungewissen Sendestart – konzeptionelle Treffen mit bestimmt 30 Leuten, die recht ambitioniert eine Musikredaktion, eine Kulturredaktion sowie eine Redaktion „Politik & Info“, der dann auch Timo angehörte, gründeten. Einmal ging es um den Namen für den prospektiven Radiosender, der aus dem „Projekt“ doch irgendwann hervorgehen sollte, es gab allerhand Vorschläge, die wie immer erst ausgiebig diskutiert wurden, bevor es zur Abstimmung kam: „Zündfunk“ gebe es schon (außerdem erinnerte der Name vage an brennende Asylheime, die es ja gerade vor zwei Jahren noch gegeben hatte), der Name „Radio Hörsturz“ fand zunächst eine Mehrheit, wobei dann doch das Gefühl überhand nahm, ein solch offensiver Name könne ältere, eventuell gebrechliche Menschen abstoßen. In einem zweiten Wahlgang machte schließlich „Querfunk“ das Rennen, zumindest mal als Arbeitstitel.

Bald schon bezogen wir stolz ein provisorisches Büro in der Wilhelmstraße 30, unweit unseres bisherigen Treffpunkts Felshof. Eigentlich ein Ladengeschäft mit riesigen Schaufenstern im Eingangsbereich, in den Hinterzimmern wurde flugs ein kleines Aufnahmestudio zum Experimentieren eingerichtet. Wenig später, wohl um den Jahreswechsel 1994/95 zog Querfunk in seine endgültigen Büroräume und Sendestudios ein. Eine Option war gewesen, fortan im Kulturzentrum Tempel (in Karlsruhe-Mühlburg) zu residieren, eine andere – verlockendere und letztendlich unschlagbare –, im sog. Gewerbehof (mitten in der Innenstadt) einzuziehen. Wir hatten Glück und bekamen die Räumlichkeiten im Gewerbehof, seither hat Querfunk die Adresse Steinstraße 23, was sich nicht zuletzt in Sendungsnamen wie „Studio 23“ niedergeschlagen hat.

 

Der letzte seiner Art

 

Querfunk bestand also, wenn nicht mehrheitlich, so doch, was die maßgeblichen Leute betraf, zu einem Gutteil aus autonomen Szenegängern und solchen mit vage alternativem Hintergrund. Manche hausten im legendären besetzten Haus (damals angeblich das einzige im ganzen Bundesland) oder gar in bewohnten Wagenburgen oder sahen so aus. Das war einerseits cool und aufregend, die Subkultur war noch nicht derart stylisch, farcenhaft und auf den Hund gekommen wie in den vergangenen Jahrzehnten, sondern zehrte noch von einer fundamentalen Systemopposition aus der 80ern, ja mittelbar eigentlich schon 70ern, wenn nicht 68ern. Andererseits stieß mir immer schon das mal mehr, mal weniger präsente Cliquenwesen in jener wie auch in anderen Szenen und „Zusammenhängen“ (wie es immer öfter hieß) auf. Integrität schien sich nur über ordensartige Zusammenschlüsse zu verbürgen, deren Teil man entweder war oder nicht war. Ich fühlte mich wie gesagt etwas außen vor, aber keineswegs ausgegrenzt, hielt mich vielmehr in irgendwie opportunistischer Distanz (bisweilen aus ästhetischen Gründen); schon Wiglaf Droste hat die Enge von Freundeskreisen mit der von Bibelkreisen verglichen – ganz Unrecht hat er damit nicht. Solche Strukturen mochten ja im Kleinen funktionieren, wenn aber die Linke dereinst groß und stark werden würde (solche Schwärmerei ging – und, ähem: geht – mir partout nicht aus dem Kopf), müßte man dann nicht gänzlich andere Organisationsformen etablieren? War und ist also das selbstgenügsame linke Cliquenwesen nicht sogar auf seine mickrige „Größe“ geradezu existentiell angewiesen?

Als ich einmal Timo, den ich schon irgendwie als Vertreter solcher Zirkel wahrgenommen habe, meinen leisen Unmut über die sich als Cliquenwesen fortwesende „Szene“ kundtat, meinte er – und ich hatte fest den Eindruck, daß auch er mit diesen „Strukturen“ nicht ganz zufrieden sei –, „na klar, hier läuft doch alles über Freundschaften, über nichts anderes“. Dabei war ich, innerhalb der relativ unpolitischen Musikredaktion, noch am ehesten diesen erlesenen Kreisen linker Gesinnungsorden nahe. Aber eben nicht Teil davon. Die verstreichende Zeit, die vielen Jahre bei Querfunk, bis heute, bestärkten mich in der Ansicht, daß auch Timo sich von der (im Modus sich verbürgerlichender Einzelbiografien) zusehends wegbröckelnden Szene, die kaum noch nachwuchs, im Stich gelassen fühlen mußte.

 

Vielleicht wollte ich auch nur mit Mitte zwanzig nochmal Teil einer Jugendbewegung gewesen sein. Zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, daß ich weder wirklich Teil „der Szene“ geworden war, obwohl ich bei Querfunk seit vielen Jahren ein und aus ging und auch viele – vielleicht zu viele, zu neurotisch-selbstläufermäßige – Sendungen wirklich mit Herzblut machte, aber auch Timo war längst eher ein Querfunk-Original als ein typischer Szenegänger, der mal hier reinschaut und morgen vielleicht schon dort in einer anderen Gruppe herum aktioniert. Er hatte verstanden, daß dieses Freie Radio, der ganzen Idee und dem Potential nach, etwas ganz besonderes ist.

Das muß man betonen, weil die meisten, nein: alle anderen aus der (um es einmal pathetisch zu sagen) Gründergeneration, die das „Projekt“ anfangs mit immenser Energie, Kompetenz und Ambitionen aus dem Boden gestampft hatten, binnen fünf Jahren, also bis zur Jahrhundertwende dem Sender mehr oder weniger den Rücken gekehrt hatten. Gegangen waren sie nicht im Groll, auch nicht wirklich resigniert, aber die meisten von ihnen waren eher solide und zähe Organisationstalente als eitle und vielleicht ein bißchen unfreiwillig komische „Sendungsmachende“ (wie es schon bald auf szenedeutsch hieß).

Schon in den ersten Monaten und Wochen (!) des Sendebetriebs 1995 hatte sich das Klima auf den Plena zunächst leicht, später stärker und leider dauerhaft verändert: Von der überaus ambitionierten Aufbruchsstimmung der Vorbereitungsphase hin zu einer nunmehr, nach Sendestart, sehr am Tagesgeschäft und faktischen Sendebetrieb orientierten (und diesen auf unspektakuläre Weise garantieren müssenden) Art Dauerwurst. Diejenigen, die doch Verhandlungen mit der Aufsichtsbehörde geführt, Redaktionsbüros und Sendestudios angemietet und verglast und verkabelt und eingerichtet hatten, die Verträge aufgesetzt, Finanzen geregelt, Statuten verabschiedet und die nicht zuletzt den institutionellen Überbau des ganzen (eine GmbH, bestehend aus zwei Vereinen) aus der Taufe gehoben hatten, waren nun gar nicht die, die auch täglich oder wenigstens wöchentlich Sendungen gestalten wollten oder konnten. Voller Spannung und Interesse verfolgten sie, wie die redaktionell Tätigen, die nun vor allem nachfolgten und sich mehr oder weniger ins gemachte Nest setzen konnten, dem „Projekt“ Inhalt und Leben einhauchen würden; das waren zu hohem Anteil reine Musiksendungen, deren Macher sich für wenig mehr als sich selbst interessierten, die Plenarkultur aber als naturgegeben, vielleicht als erstaunliches Kuriosum akzeptierten, wenn sie sich das auch nie wirklich zueigen machten. Die Gründergeneration ihrerseits war immer weniger präsent, Studiengänge wurden abgeschlossen oder abgebrochen, Geld mußte verdient werden, hier und da wurden Kinder geboren. Warum ich so vermeintlich sachfremd abschweife? Timo blieb. Mit einer lobenswerten Beharrlichkeit. Er füllte viele, vielleicht zu viele, eigentlich alle Lücken, die die Altvorderen nach und nach ließen. Das Problem war nämlich, daß, wo die einen gingen, nicht in gleichem Maße die anderen nachkamen. Und wer die Chuzpe hat, Timo für das Ausfüllen all der lebenswichtigen, ja überlebenswichtigen Funktionen im administrativen Radiobetrieb etwa der Machtgier zu bezichtigen – der hat den Witz mit der Henne und dem Ei nicht verstanden. Nicht Timos Gebaren hat die Selbstverwaltung erlahmen lassen, vielmehr umgekehrt: die immer schlechter funktionierende, kaum mehr ihren Namen verdienende Selbstverwaltung hat Timos Allgegenwart (für die wir ihm zu danken haben!) nicht nur begünstigt, sondern geradezu notwendig gemacht. Niemand sonst hat lange Jahre all die unbeliebten Tätigkeiten machen wollen. Irgendwann war der Anarchist (weder so reif noch so korrumpiert, sondern einfach) so weit, einzusehen, was so ein sturer Dickkopf wie ich partout nicht wahrhaben wollte: „Es läuft doch einfach nicht anders. Das weißt du doch auch.“ Überhaupt ist bemerkenswert, wie sehr der bekennende Anarchist doch auch Realpolitiker sein konnte, das sei hier ganz ohne Hohn und Ranküne angeführt. Vielmehr könnte es von einer tieferen Dialektik gezeugt haben, die fernes (politisches) Ziel und aktuelle (tagespolitische) Misere irgendwie unter einen Hut zu zwingen versucht hat. Ein Opportunist ist Timo jedenfalls nie gewesen, auch wenn die Versuchungen der Bürokratie zu solchem verlockt haben mögen. Nie hat er redaktionelle Inhalte anderer als zu radikal bekrittelt, allenfalls hat er – zurecht – angemahnt, daß man dabei nicht allzu plump vorgehen und so der Zensur Steilvorlagen liefern dürfe.

 

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Am 6. Dezember 2015 gegen 18 Uhr läuft „Dreams burn down“ von der britischen Band Ride bei uns im Radio – reiner Zufall. Denn von Timos Ableben, nur ein Tag zuvor, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand hier.

 

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Szenebedingt wurden hier und da aus Transparenten „Transpis“, aus Flugblättern „Flugis“, aus Molotov-Cocktails „Mollis“, aus papiernen Aufklebern „Spuckis“ und natürlich aus der Stephanienstraße „die Steffi“, später sollte es im bundesdeutschen Radiomilieu mancherorts üblich werden, im Sinne geschlechtsneutraler („gendersensibler“) Sprache das gedruckte Wort „DemonstrantInnen“ allen Ernstes als „Demonstrant innen“ auszusprechen.

Nicht so Timo, der es nie nötig hatte, den letzten Schrei, die neuesten Konventionen oder vielmehr Richtlinien und Sprachregelungen besinnungslos mitzumachen. Obwohl ich es ihm durchaus zugetraut hätte; irgendwie stand er aber immer mit einem Lächeln über allzu kleinkarierten Formalismen. Wie überhaupt Formsachen (und, wie ein Kollege anmerkt: Etikette) nicht die seinen waren. Nie wußte man, ob die eine oder andere ungelenke Ausdrucksweise seiner Legasthenie geschuldet oder einfach einer gewissen Lässigkeit entsprungen war.

Timo hat sich im Zweifelsfall immer für journalistische und handwerkliche Standards stark gemacht, ohne diese jedoch konsequent einzufordern, solcherart autoritäres und möglicherweise „diskriminierendes“ Auftreten stünde uns als erklärtem Amateursender nun wirklich nicht zu. Vielmehr hat Timo sich Neulingen gegenüber stets auf kollegiale Anleitung und Hilfe kapriziert, statt einschüchternd mit Forderungen loszupoltern.

 

Als einer, den ich immer noch eher als „Bewegungslinken“ denn als Theoretiker einzuschätzen pflegte, war Timo dennoch von einer erstaunlichen Offenheit und geistigen Beweglichkeit. Während nach 2001, nach 9/11, alle Welt und insbesondere die Linke sich vollends in „Antiimperialisten“ (anti-westlich) und „Antideutsche“ (pro-westlich) sortierte, was zu völlig preisgünstigen Feindbildern und Klischees auf allen Seiten führte, gab es nur noch wenige besonnene, die das denunziatorische Etikettieren und Kesseltreiben nicht mitmachten. Für einen irgendwie doch aus den „Neuen Sozialen Bewegungen“ stammenden Linken war es tatsächlich untypisch, sich auf dem laufenden zu halten: sich ersteinmal unvoreingenommen ein Bild von den Konfliktlinien auch anhand verschiedener Quellen zu machen, bevor man besinnungslos auf „die Antiimps“ oder – vice versa – auf „diese Antideutschen“ oder andere Buhmänner und Popanze eindrischt. In den Querfunk-Redaktionen gab es ja hier auch allerlei, von ganz traditionslinks bis ziemlich tabula-rasa-kritisch. Timos Rolle war in aller Regel vermittelnd, aber nicht zwingend versöhnlerisch, sondern notfalls auch sehr dezidiert und Kante zeigend.

Wenn ihm wirklich was auf den Keks ging und seiner Ansicht nach grob unverschämt oder arrogant war, konnte er ganz schön ruppig werden. Timo war in einem ganz spezifischen Sinne schwierig. Aber bitte, welcher nicht-triviale Charakter, welche gereifte Person könnte von sich behaupten, nicht „schwierig“ zu sein? Beim Freien Radio tummelten sich ohnehin mehr „schwierige“ Leute als anderswo, oft eben auch die interessanteren. Mehr als einmal bin ich mit Timo, oder vielmehr: ist er mit mir aneinandergeraten, das war alles andere als lustig. Sehr bemerkenswert und so nicht oft anzutreffen, war aber Timos verläßliche Charaktereigenschaft, sich für Ausfälle anständig zu entschuldigen, freilich nur für die Form – nie für den Inhalt, der blieb kontrovers –, was derart aufrichtig war, daß man es einfach annehmen mußte. Er bestand dann im Zweifelsfalle auch darauf, daß er sich doch entschuldigt habe.

 

So dezent und aufs Wesentliche konzentiert, ja manchmal beinahe karg Timos Moderationen vor dem Mikrofon waren, so eloquent war sein Naturell außerhalb der Sendestudios. Hier ging einer nicht mit eitler Selbstgefälligkeit in der Öffentlichkeit schaulaufen. Wenn man mit jemand auf dem Gitterrost-Podest vor dem Querfunk-Büro einen Plausch hielt, dann meistens mit Timo. Spätestens seit ca. 2003 war auch in den Senderräumlichkeiten ein Rauchverbot etabliert worden, sodaß Timo als passionierter Qualmer am liebsten im Freien parlierte. Sein zutiefst menschliches Kommunikationsbedürfnis war von ganz eigener Erscheinung, zur Höchstform lief es nicht erst während des Quarzens auf, sondern während des Zigarettendrehens. Meinen Lebtag habe ich keinen zweiten Menschen getroffen, bei dem das routinierte Anfertigen einer DIY-Fluppe dermaßen mit einem Leuchten in den Augen samt jovialem Schieflegen des Kopfes, Anheben der Mundwinkel und dazugehörigem Drauflosreden einherging. „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarettenfabrik“, hatte schon 1997 (im Jahre 2 unserer Querfunk-Zeitrechnung) die Band Brüllen getextet, den biederen Reinhard Mey ad absurdum führend („Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette“). Leider blieb ihm, Timo, ein methusalem-artiges Lebensalter wie dem Tabakfreund Helmut Schmidt (1918–2015) verwehrt, den er nicht mal um einen Monat überlebte.

 

Nach seinem Studium der Geografie in Heidelberg – ich erinnere mich noch, wie er, Sportskanone, mal eben so mit dem Fahrrad dahin und zurück fuhr, vielleicht zu einer Vorlesung – war absehbar, daß man da beruflich nicht gut unterkommen konnte. Als entspannter Post-Autonomer war das kein nennenswertes Problem für ihn, Jobber-Autonomie bedeutete fortan für ihn, daß er eine – auch variierende – Vielzahl von Jobs in ganz verschiedenen Sphären erledigte. Da war das Modellstehen in der Kunstakademie, da war das Mittun als Fahrradschrauber beim Radler-Martin, der (wie Querfunk) auch im Gewerbehof residiert, da waren Jobs am und aufm Bau, Zimmerei und Renovierungen glaub ich. Und wahrscheinlich noch vieles mehr.

Timo hörte und sah zuhause, also privat, nach eigenem Bekunden gerne die Bildungssender, v.a. arte und den Deutschlandfunk, aber bei der Arbeit (insbesondere auf Baustellen) hörte er gerne Querfunk, immer wieder sagte er mir, wie gut ihn auch meine Musiksendung „Hörsturz“ unterhielte, v.a. wenn dort ein wüstes Stück Deathmetal-Geboller erklinge, Deathmetal aufm Bau. Ich versuchte immer, mir das vorzustellen, wie er sich da in voller Aktion über eine Musik erfreut, vielleicht auch amüsiert, die doch sonst nicht seine war.

 

Wie schon gesagt, hielt er sich im Radioprogramm selbst ziemlich zurück, war hier seriös und uneitel. Gern hat er Sendungen betreut, Einsteigerworkshops veranstaltet und dergleichen. Über den kontinuierlichen, wöchentlich eintägigen „Bürodienst“ hinaus fungierte er als Ansprechpartner für sogenannte Austauschsendungen anderer Freier Radios, z.B. aus Hamburg, Mannheim oder Berlin, und kümmerte sich um das Eindübeln ins laufende Programm. Weil seine Aktivitäten aber über rein medienpädagogische Belange hinausgingen, war eine weitere Wirkstätte die regionale und bundesweite Interessenvertretung der Freien Radios. Medienpolitische Meriten hat er sich bei der landesweiten Assoziation Freier Gesellschaftsfunk (AFF) sowie beim Bundesverband Freier Radios (BFR) erworben. Auch seine Liebsten lernte er hier im Radio-Umfeld kennen.

 

 

Der Private

 

Schon legendär, ich erinnere mich nicht mehr, wann diese Tradition begann, waren seine beneidenswerten Jahresurlaube: Er genehmigte sich in den letzten Jahren – stets im Januar, jedenfalls im hiesigen tiefsten Winter – eine weite Fahrt oder vielmehr Erlebnistour in Länder wie Ghana, Kamerun, Kambodscha oder Thailand. Freundinnen und Freunde hielt er dann stetig auf dem Laufenden und ließ sie (via E-Mail, ohne daß er darüber zum Blogger geworden wäre) an seinen Eindrücken, Unternehmungen und Erkundungen teilhaben, was immer spannend und informativ zu lesen war. Von diesen ausgiebigen Urlauben, wo er das ganze Radiobürokratie-Ungemach mal für ein paar Wochen ganz weit hinter sich lassen konnte, kam er regelmäßig entspannt und putzmunter wieder zurück.

 

Nicht nur die Vielzahl seiner Brotjobs war seit Jahren bemerkenswert (vielleicht hätte er zur Abwechslung aber auch gerne mal etwas Verläßliches, Einheitliches gehabt?), sondern überdies noch war die schiere Anzahl seiner – zumeist ehrenamtlichen – Verwaltungs-, Koordinations-, Büro-, Administrations- und redaktionellen Tätigkeiten im Sender Legion. Es gab und gibt schlicht niemanden, der so viele Arbeiten – um die meisten von ihnen hat ihn niemand beneidet – auf sich vereinigte. „Mädchen für alles“ klingt albern (und außerdem sexistisch konnotiert), aber das trifft es irgendwie schon. Kurioserweise aber war in unserem Radiosender dieser jemand nicht irgendein subordiniertes Wesen, ein Zivi oder Faktotum, sondern Timo verstand es immer auch, sich als Instanz einzubringen. Kritische, ihm nicht immer wohlgesonnene Zungen sprachen regelrecht von Chef-Attitüden. Letztendlich kann man derartiges nicht völlig abstreiten, aber ... wer sich derartig für ein „Projekt“ aufreibt und über viele, viele Jahre eine so unglaubliche Anzahl unattraktiver, zumal unbezahlter Tätigkeiten – und die höchst verläßlich – erledigt, weil die proklamierte Selbstverwaltung nicht mit der nötigen Reife der allermeisten Kollegen und Mitstreiter einhergeht, dann ist es kaum vermeidbar – und eigentlich nur recht und billig –, wenn massive Verantwortung, vielleicht sogar Verantwortlichkeit auch ein proportionales Maß an Einfluß nach sich zieht. Wenn ich sage, daß die Aufopferung in einem Massenmedium-das-nie-eines-war mit einer Selbstverwaltung-die-keine-mehr-war sich letztendlich nicht in der Befriedigung und Anerkennung auszahlt, die einem anderswo möglicherweise gezollt wird, weiß ich wovon ich spreche, denn in weitaus geringerem Maße ging und erging es mir nicht anders. Nur daß ich mir, wie die anderen Ignoranten auch, zu schade war für etliche der doch so nötigen Tätigkeiten, die schließlich quasi auf Timo hängen geblieben sind. Querfunk hat ihm so nicht weniger als alles zu verdanken. Ohne Timos stilles und überaus zuverlässiges Wirken hätte es den Sender schon lange nicht mehr gegeben.

 

Ich weiß nicht, ob mich Timo als Freund bezeichnet hätte, aber wir sahen und sprachen uns – natürlich im Querfunk-Büro, ob zufällig oder auf den Plena – eh öfter, als man die meisten Freunde, mit denen man sich erstmal verabreden müßte, traf. Daß man sich kaum verabredet hat, fällt bittererweise erst auf, wenn jemand plötzlich nicht mehr da ist. Vielleicht kann Timos Vermächtnis sein, daß die arg nebeneinander her lebenden und sendenden Querfunkerinnen und Querfunker sich zumindest als Mitmenschen ernster nehmen als bisher, ohne daß daraus eine hermetisch-klebrige Szene oder ein monolithischer „Freundes-, also Bibelkreis“ (frei nach Droste) entstehen müßte. Dazu würde gehören, daß man zuerst mal ein Minimum an Interesse für das aufbietet, was die anderen da so treiben.

Damit man auch fehlt, wenn man nicht mehr da ist. Timo fehlt.